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Dienstag, 7. Juni 2011

Noam Chomsky - Vorlesung vom 6.06.2011 in der Uni Köln und Berichterstattung im Kölner Stadt-Anzeiger vom 7.06.2011

»Language and Other Cognitive Systems: What is Special about Language?« ist als Thema der Vorlesung am Montag angekündigt. Den Abend halten wir uns für den Besuch der Vorlesung frei. Da wir großes Interesse erwarten, wollen wir uns eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn einen Platz sichern. Dank guter Vernetzung erfahren wir per Telefon auf dem Weg zur Uni, dass die Aula bereits voll ist und das Freihalten von Sitzplätzen zunehmend schwierig wird. Mit gesteigertem Tempo erreichen wir ca. 45 Minuten vor Veranstaltungsbeginn die Aula. An den Eingängen werden wir wegen Überfüllung abgewiesen und auf Ausweichräume im Hörsaalgebäude aufmerksam gemacht, in die per Lifestream übertragen würde. Schließlich finden wir noch ein Schlupfloch und kämpfen uns bis zu Albert durch, der tapfer gerade noch einen Platz freihalten kann. Albert hat 1,5 Stunden vor Veranstaltungsbeginn in der Mensa per Anruf die Information erhalten, dass die Aula bereits fast voll ist. Daraufhin hat er sich sogleich in die Schlacht um die Plätze begeben. Am Ende besetzen wir zu sechst vier Plätze und sind damit ausgesprochen zufrieden. Danke an Albert für seinen Beitrag zu diesem denkwürdigen Abend, der leider am nächsten Tag ein mindestens ebenso denkwürdiges Echo von Missklängen in die Welt setzt. 

Der Beginn der Veranstaltung verzögert sich um einige Minuten, weil zunächst ein Minimum an Fluchtwegen durchgesetzt werden muss. Um 19:40 Uhr betritt Noam Chomsky mit etwas schwerem Schritt und leicht gebeugt die Aula. Alle anwesenden Hörer erheben sich von ihren Plätzen, um sich bei diesem körperlich kleinen und im Alter auch schon greisenhaft wirkenden Giganten der modernen Wissenschaft für die Ehre seines Besuches mit langer Standing Ovation zu bedanken. Nach offizieller Begrüßung und dem symbolischen Akt der Berufung auf die Albertus-Magnus-Professur beginnt Noam Chomsky um 20:00 Uhr seine Vorlesung in englischer Sprache. Er vermeidet eine komplizierte Sprache, was die Aufnahme der komplexen Inhalte erleichtert. Da er relativ leise spricht und seine Stimme nur minimal moduliert, erfordert die Rezeption neben einem guten Sprachverständnis eine hohe Konzentration. Über den Zeitraum von 70 Minuten Vorlesung gelingt es uns immer weniger, die hohe Konzentration aufrecht zu erhalten, zumal sich ein Verständnis der Inhalte in ihrer Bedeutung und ihrer Reichweite nur mit einem soliden Vorwissen einstellt. Aber auch die Hörer, die nicht alle Voraussetzungen vollständig erfüllen, würdigen die herausragende Bedeutung dieser Persönlichkeit und die Außergewöhnlichkeit dieser Veranstaltung.

Noam Chomsky erinnert an die Anfänge, in denen er gegen das dominierende empirisch-behavioristische Paradigma angetreten ist. Mit seinen revolutionären wie überzeugenden Konzepten hat er der gesamten Kognitionswissenschaft neues Leben eingehaucht, so dass schließlich auch die Herrschaft behavioristischer und strukturalistischer Modelle gebrochen wurde und ganze wissenschaftliche Disziplinen neu durchdacht werden mussten. Derartige Umbrüche, als deren Ergebnis dominierende Wissenschaftsmodelle von neuen Weltmodellen ersetzt werden, haben seit Thomas S. Kuhns Werk über "The Structure of Scientific Revolutions" einen Namen. Thomas S. Kuhn bezeichnet sie als "Paradigmenwechsel". Diese Veränderungsprozesse, in denen Modelle "normaler Wissenschaft" auf revolutionäre Art (nicht evolutionär!) gegen großen Widerstand abgelöst werden, treten in der Wissenschaftsgeschichte selten auf. Noam Chomsky hat eine dieser fruchtbaren Wissenschaftskrisen im Sinne eines Paradigmawechsels ausgelöst. Die Bedeutung dieser Leistung macht seinen Namen unsterblich. Mehr Bedeutung kann ein Wissenschaftler nicht erlangen. Selbst der hoch angesehene Nobel-Preis ist vergleichsweise zu vernachlässigen.

Noam Chomsky beschränkt seine öffentliche Rolle nicht auf den Wissenschaftsbetrieb, sondern er versteht sich als kritischer Intellektueller, der eine öffentliche Verantwortung für das Gemeinwohl übernimmt. In dieser Rolle weist Noam Chomsky auf die Gefahren der Globalisierungsentwicklung hin und ergreift Partei für die in den politisch-wirtschaftlichen Machtstrukturen Unterlegenen und Benachteiligten. Dass öffentliche Äußerungen zu dieser Thematik keine breite Zustimmung finden und in ihrer Parteilichkeit auch provozierend und unausgewogen sind oder sein müssen, liegt in der Natur der Sache. Noam Chomsky macht dieses Engagement nicht kleiner, sondern größer. Er nutzt seine wissenschaftliche Reputation, um ohne Not und auch gegen eigene materielle Interessen als öffentliche Persönlichkeit seine unbequeme Parteinahme zugunsten sozialer  Loser zu artikulieren. Als Instrument bedient sich Noam Chomsky's Taktik der Mechanismen medienbeeinflusster Kulturen, weil seine Anmerkungen auf diesem Wege mehr Aufmerksamkeit entfalten als ein Leserbrief in der Zeitung oder die Demo einiger Unzufriedener. Es überrascht nicht, wenn diese sozial-politisch kritischen Anmerkungen Gegenreaktionen provozieren, die Noam Chomsky's Statements gerne als Schrullen eines Querkopfes desavouieren, der sich diese Schrulligkeit erlauben kann. Denjenigen, die sich von Noams Chomsky's unbequemer Kritik betroffen fühlen, sind diese Deutungsmuster willkommen. Den Autoren solcher Gegenstatements ist eine breite Zustimmung meinungsbeherrschender Kreise gewiss, was für die individuelle Wohlfahrt dieser Autoren nicht von Nachteil sein dürfte.

Berichterstattung des Kölner Stadt-Anzeigers vom 7.06.2011
Der positive Nachklang der großartigen Veranstaltung mit Noam Chomsky ist bereits am folgenden Morgen beim Blick in den Kölner Stadt-Anzeiger abrupt beendet und schafft damit Raum für eine sich ausbreitende Wut. Gewöhnlich benötigt unsere Regionalzeitung, die sich gerne als bedeutende Stimme eines gebildeten liberalen Publikums darstellt, mehrere Tage, um über regionale Ereignisse zu berichten. Nicht so in diesem Fall, in dem bereits am Tag nach dem ersten Auftritt Noam Chomsky's auf Seite 22 ein Artikel erscheint (immerhin im Kulturteil und nicht unter "Stadtteile"), den der Redakteur Frank Olbert verantwortet. Ob Frank Olbert persönlich an der Abendveranstaltung teilgenommen hat, lässt sich aus dem oberflächlichen Artikel nicht erschließen, ist aber auch letztlich unerheblich. Frank Olbert berichtet vor allem über eine Pressekonferenz, in der Noam Chomsky offensichtlich die Erwartungen sensationsgieriger Journalisten mit den Kommentaren bedient, die diese Journalisten mit ihren lüsternen Erwartungen abfragen. Als Büttel dieses Mainstreams stellt Frank Olbert nicht die dumpfen Fragen in den Fokus seines  Artikels, sondern vermeintlich schrullige Antworten bzw. "verbalradikale" und "befremdlich(e)" Antworten eines vom "Dauer-Alarmismus" betroffenen irrlichternden Geistes. In einem deutlich kleineren Abschnitt ist Noam Chomsky's wissenschaftliche Bedeutung nur äußerst ober- flächlich angedeutet, um sie sogleich wieder mit einem distanzierenden sprachlichen Duktus zurückzunehmen.

Trotz zweier Weltkriege (inklusive Holocaust, Hiroshima, Nagasaki und weiterer Millionen von Opfern) sind Massenver- nichtungen, Tschernobyl und Fukushima noch immer Alltag. Genozide, arabische Revolutionen und weltweite Terrornetze bedrohen nach wie vor die Weltordnung. Die hemmungslose Ausbeutung und der irreversible Verbrauch unserer gemeinsamen Ressourcen zulasten der Mehrheit und auf Kosten zukünftiger Generationen sind in der Gegenwart evidente Sachverhalte, die in Verbindung mit kollabierenden Staatssystemen, globalen Klimaveränderungen und demographischen Entwicklungen weit in die Zukunft hineinwirken werden. Diese Konzentration existenzieller Risiken wird erst möglich aufgrund der Verteilungsbedingungen wirtschaftlicher und politischer Macht. Diese Machtverteilung korreliert mit einer Nutzenverteilung, die wenige Groß-Profiteure begünstigt, weil sie sich kraft ihrer Macht vernünftigen ethischen Prinzipien nicht unterwerfen müssen und im Eigeninteresse ihre Macht bewußt und ungestraft missbrauchen können.

In Anbetracht existenzbedrohender Missstände der Gegenwart und des Investitionsbedarfs in die Zukunft wird die Frage akut, ob oder unter welchen Bedingungen es vernünftig ist, die Organisation kollektiver Güter einer Politik und einem Markt anzuvertrauen, deren Handlungsfelder und Handlungshorizonte von Politikern und Managern begrenzt sind, die sich gegenüber kurzfristigen Legislaturperioden und Vorstandsverträgen verantworten müssen und als Protagonisten einer öffentlchen Verantwortung ihre Handlungsmotivation aus hedonistischen Anreizen beziehen. Fraglich ist ebenso, in welcher Qualität ein von diesen Machtstrukturen weitgehend kontrollierter Journalismus zu einer kritischen und trans- parenten Berichterstattung willens oder in der Lage ist. Unter diesen Bedingungen ist last but not least die Frage nach einer angemessenen Sprache der Berichterstattung neu zu stellen.

Dummerweise gibt es zu viele unwissende und dumpfe Journalisten, die drängende  Sachverhalte unserer Existenz mit sprachlichem Müll bedecken und damit auch noch die öffentliche Meinungsbildung dominieren. Wenn wir in diesem Müll nicht ersticken wollen, reicht es nicht aus, ihn einfach in der Kompostanlage verrotten zu lassen. Noam Chomsky zieht sich nicht auf seine Rolle als Wissenschaftler zurück und begnügt sich auch nicht mit Fremdschämen. Statt dessen ergreift er Verantwortung für das Gemeinwohl und widerspricht im Geist der kritischen Aufklärung. Ungeachtet dessen, ob wir alle Äußerungen Noam Chomsky's mit unserem Namen unterschreiben wollen, verdient seine Haltung unseren tiefen Respekt. Leider gibt es zu wenig mutige Chomsky's, denen wir jene Schmutzarbeit überlassen können, in der sie ihre Finger in die Wunden unserer Welt legen. Wenn wir nicht fatalistisch untergehen wollen, müssen wir die Dinge selbst in die Hand nehmen. Auch diesen Hinweis verdanken wir Noam Chomsky.

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