Donnerstag, 20. August 2026

Friedlosigkeit im öffentlichen sozialen Leben

Adolph von Menzel, Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen 1757

Adolph von Menzel, Ansprache Friedrichs des Großen
an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen 1757

Friedlos
Buchcover Friedlos, Eckart Conze
Am 29.06.2026 stellte der Neuzeithistoriker Eckart Conze in der Fritz Thyssen Stiftung sein jüngstes Buch mit dem Titel „Friedlos. Die Deutschen zwischen Kriegsgewalt und Friedenssuche. Von 1648 bis heute“ vor. Der Besuch der Veranstaltung inspiriert zur Beschäftigung mit der Thematik. 
Das Cover des Buchs zeigt Adolph von Menzels (1815–1905) unvollendetes Historienbild „Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generäle vor der Schlacht von Leuthen“. Die Szene des Bilds bezieht sich auf den von 1756 bis 1763 ausgetragenen Siebenjährigen Krieg, der eng verwoben ist mit dem Siebenjährigen Krieg in Nordamerika. Gründe der Unvollendung hat Jürgen Kloosterhuis recherchiert. WELT: Was während der berühmten Rede vor Leuthen geschah.
 
Der Autor dieses Posts versteht das Buchcover als Metapher für Eckart Conzes Auffassung von Geschichte, die komplexe Mischungen von Bedingungen oft nur unvollständig entschlüsseln und erklären kann. Historische Wissenschaft enthält ähnlich wie Adolph von Menzels Bild Leerstellen von Realität. Im Unterschied zu Adolph von Menzel füllen wissenschaftliche Expertise und Fantasie Leerstellen mit spekulativen Erklärungen, die vielleicht plausibel sind und in wissenschaftlicher Methodik als oftmals strittig diskutierte Heuristik gelten. Dieser Post verknüpft von Eckart Conze vorgezeichnete Entwicklungslinien skizzenhaft mit sozialen Prozessen, die maßgebliche Einflüsse auf Gestaltungen weltanschaulicher Ideen, auf das Denken von Menschen und auf soziale Ordnungen politischer Makrostrukturen ausüben. 
 

Montag, 22. Juni 2026

Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Superreichtum vs. Armut

Eine Untersuchung der Boston Consulting Group (BSC) ordnet die Verteilung von Vermögen (Geldmittel, Anlagen, Investitionen) in Deutschland in vier Klassen. Zahlen für das Jahr 2025 dokumentiert das Portal Statista: Vermögensverteilung. Angaben in US $ sind beim aktuellen Kurs mit dem Faktor 0,87 in Euro umzurechnen.
  • Superreiche: > 100 Mio. $ 
    5.000 (0,007 %) aller Deutschen gelten als superreich und halten einen Anteil von 27,3 % am deutschen Vermögen.
    Wer annimmt, dass Superreiche einen besonders hohen Beitrag zum Steueraufkommen leistet, der irrt. Mittlere Einkommen werden mit 40 % bis 45 % besteuert. Superreiche zahlen durchschnittlich ca. 30 % Steuern (SZ, 29.06.2026: "Superreiche zahlen halb so viel Steuern wie früher").
  • Reiche: 1 - 100 Mio. $
    700.000 (1,0 %) aller Deutschen gelten als reich und halten einen Anteil von 25,5 % am deutschen Vermögen. Lt. Meldung der FAZ gab es 2025 in Deutschland 2,6 Mio. Dollar-Millionäre (Globales Vermögen wächst um 10 %), was aber z. T. auch auf eine Abwertung der US $ gegenüber dem Euro zurückzuführen ist. Wie solche Zahlen ermittelt werden, ist nicht immer transparent. Der World Wealth Report meldet 1,78 Millionäre in Deutschland sowie eine Steigerung der Anzahl um 11,1 % und eine Steigerung ihrer Vermögen um 12,7 % (FAZ: Fast 1,8 Mio. Millionäre leben in Deutschland). In Anbetracht weitgehender Stagnation der deutschen Wirtschaft sind diese Zahlen nicht nur beeindruckend. Sie werfen auch Fragen auf.
  • Vermögende: 250.000 $ - 999.999 $ 
    3,6 Mio. (4,6 %) aller Deutschen gelten als vermögend und halten einen Anteil von 11,3 % am deutschen Vermögen. 
  • Nicht-Vermögende: < 250.000 $ 
    66 Mio. (94,4 %) aller Deutschen gelten als nicht vermögend und halten einen Anteil von 35,9 % am deutschen Vermögen. Auf den Anteil von Armut gefährdeter Menschen gehen abschließende Kapitel des Posts ein.

Donnerstag, 28. August 2025

Norbert Elias, Hans Peter Duerr, Pierre Bourdieu und der Prozess europäischer Zivilisation (Update 30.07.2026)

Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Taschenbuchausgabe Frankfurt 1976 (Original: Basel 1939) Traumzeit. Über die Grenzen zwischen Wildnis und Zivilisation, Fankfurt 1978 Der Mythos vom Zivilisationsprozeß, Frankfurt 1988-1997 Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft, Frankfurt 1982 (Original: La Distinction. Critique sociale du jugement. Les Éditions de Minuit, Paris 1979)
 
In der westeuropäischen Geschichte fand im Zeitraum von ca. 1500 bis 1900 der Umbruch zur Moderne der Gegenwart statt. Der Soziologe Norbert Elias (1897-1990) fasst Entwicklungen dieses Umbruchs als Prozess der Zivilisation auf. Elias' Deutungen und Wertungen des Umbruchs zur Moderne provozieren Widersprüche, die insbesondere der Ethnologe Hans Peter Duerr (*1943) in einer breiten Kontroverse vorträgt. Elias gilt als Vorläufer und Ideenspender des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (1930-2002). Bourdieus Arbeiten üben maßgeblichen Einfluss auf Kultur- und Geisteswissenschaften der Gegenwart aus. Der Text vergleicht Positionen und betrachtet Zusammenhänge sowie Auswirkungen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden aus soziologischer und ethnologischer Sicht.
 

Sonntag, 8. Juni 2025

Besichtigung von Spuren der 'deutschen Tragödie' in der Gedenkstätte KZ Dachau

Internationales Mahnmal von von Nandor Glid der Gedenkstätte KZ Dachau vor dem Hauptgebäude des KZ Dachau Internationales Mahnmal von von Nandor Glid der Gedenkstätte KZ Dachau Modell der Gedenkstätte Dachau, rechts KZ-Lager, links SS-Lager
 
Im Rahmen eines Aufenthaltes in Weilheim in Oberbayern besuchen wir am nordwestlichen Rand von München die Gedenkstätte KZ Dachau (67 km, 1:00 Std. Fahrzeit ab Weilheim). -  Fotoserie - Panoramen der Erinnerung (360 Grad Rundgang über das Gelände)
 

Montag, 17. März 2025

Personalisierung von Politik in demokratischen Staaten

Olaf Scholz 2025 Angela Merkel 2023 Bundesarchiv_Bild_146-2005-0057,_Otto_von_Bismarck
 
            Angela Merkel 2023                                                          Olaf Scholz 2025                                               Otto von Bismarck 1890
© Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0                               © Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0                          
 
Politik autokratischer Staaten ist eine One-Man-Show politischer Helden, die an keine Regeln gebunden sind, sondern Recht des Stärkeren praktizieren. Anders als in autokratischen Staaten basiert Politik demokratischer Staaten auf freien Wahlen und Kontrolle demokratischer Regeln per Gewaltenteilung. Politik demokratischer Staaten ist wie Mannschaftssport als Teamarbeit organisiert und Regeln von Fair Play verpflichtet. Verantwortliche für Ressorts, politische Themen und Mannschaftsaufstellungen sind Team-Player und als solche keine Häuptlinge, sondern lediglich Sprecher. 

Sonntag, 16. März 2025

Korruption und Lobbyismus in der Politik und speziell in Deutschland

Statista: Perception Index 2014-2024Statista 25.03.2024:_DemocracyMap_DE2 Statista 11.02.2025: So korrupt ist die Welt
 
 
 
Der eher unbestimmte Begriff Korruption umschreibt bewusste Verletzung und Missbrauch von Verhaltensnormen in privatwirtschaftlichen und/oder politischen Organisationen und Institutionen zum eigenen Vorteil. Korruption ist eine globale politische Realität und auch in Deutschland verbreitet. Länder ohne Korruption existieren nicht. Die gemeinnützige Nichtregierungsorganisation Transparency International ermittelt jährlich einen Korruptionswahrnehmungsindex, der den Grad von Korruption in öffentlicher Politik misst. Der Index von 0 bis 100 Punkte setzt sich aus mehreren Kriterien zusammen und basiert auf Umfragen unabhängiger Institute. 100 Punkte bedeuten Abwesenheit von Korruption. Ergebnisse zeigen, dass Korruption im internationalen Vergleich der Länder stark variiert, was auf Effizienz von Kontrollen verweist. Den höchsten Score hat seit Beginn der Messung im Jahr 2012 durchgehend Dänemark. Finnland, Singapur, Neuseeland folgen. Dänemark erreichte 92 Punkte zuletzt 2014 und ist seit 2022 mit 90 Punkten bewertet. Im internationalen Corruption Perceptions Index 2024 ist Deutschland um 3 Punkte auf 75 Punkte abgewertet (ZDF: Deutschland fällt im Korruptionsindex zurück) und fällt von Rang 9 auf 15. Verbreitung von Korruption visualisiert die Statista-Grafik So korrupt ist die Welt. Nicht zu übersehende Zusammenhänge zwischen Korruption und Regierungsform zeigt die Statista-Grafik Der Stand der Demokratie.

Montag, 10. März 2025

Erkenntnisse der Neurowissenschaft über prädiktive Mechanismen von Wahrnehmung im Denken erster Ordnung

Modell sprachliche Kodierung von Vorhersagen aus Umweltinteraktionen
Modell sprachlicher Kodierung von Vorhersagen
aus Umweltinformationen
Hirnforschung betrachtete Wahrnehmung lange als eine lineare Reiz-Reaktion-Prozesskette der Verarbeitung von Sinnesreizen. Detailreichtum und Komplexität der sensorischen Umgebung von Organismen lassen bezweifeln, dass Gehirne alle Informationen in kurzer Zeit verarbeiten können und motivieren Theorien der Informationsverarbeitung zum Paradigmenwechsel. 
In der Gegenwart verstehen kognitive Neurowissenschaften mentale Prozesse der Wahrnehmung als einen datengesteuerten aktiven Prozess. Teilweise empirisch bestätigte Hypothesen der Theorie prädiktiver Kodierung besagen, dass Gehirne Umweltinformationen mittels Sprache (=symbolische Repräsentation der Welt) kodieren und anhand gespeicherter Modelle (=Wissen) ständig Vorhersagen über Zustände der physischen Welt generieren. 
 

Freitag, 7. März 2025

Beobachtungen erster und zweiter Ordnung

Beobacher erster und zweiter Ordnung Hanns Dieter Hüsch Halbwissen

Unzufriedenheit von Menschen resultiert aus Beobachtungen empirischer Sachverhalte. Was Menschen beobachten, ist indviduell unterschiedlich. Wie Menschen beobachten, ist biologisch bedingt ähnlich, aber sozialpsycholgoisch unterschiedlich. In diesem Post geht es um Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Beobachtungen auf zwei Ebenen der Erklärung von Beobachtungen:
  • Beobachtungen von Beobachtern (Beobachtung erster Ordnung), 
  • 
Beobachtung der Beobachter (Beobachtung zweiter Ordnung). 


Samstag, 11. Januar 2025

Der Sündenbock: Rituale sozialer Konfliktbewältigung vom Altertum bis zur Gegenwart (Update 14.02.2025)

William Holeman Hunt (1827-1910 - The Scapegoat, 1854 Dieser Post ist inspiriert von zwei Artikeln des Soziologen André Kieserling:

(Verlinkungen ohne Quellenangabe verweisen  auf Wikipedia.)
 
Die Metaphorik des Sündenbocks bezeichnet keinen Charakter einer Persönlichkeit, sondern eine Rolle in Interaktionen. (Den Rollenbegriff erläutert Kapitel 1.) Im Altertum waren Sündenbockrollen in rituellen Interaktionen zwischen Menschen und Göttern magisch und religiös konnotiert. In der Gegenwart sind Sündenbockrollen sozial konnotiert und verweisen auf Interaktionen zwischen Menschen. Die Rolle des Sündenbocks und dessen Mechanismen werden jedoch im Alltagsdenken und in wissenschaftlichen Kontexten unterschiedlich verstanden. Historisch war die Bedeutungen der Sündenbockrolle magisch und religiös in kulturell und zeitlich variierenden Kontexte von Ritualen der Konfliktbewältigung konnotiert. In wissenschaftlicher Perspektive beschreiben Sündenbockmechanismen universale soziale Deutungsmuster in Kontexten unerwünschter Zustände, Ereignisse, Prozesse.
 

Dienstag, 17. Dezember 2024

Warum schenken? Anmerkungen zur sozialen Institution des Geschenkaustausch

Advent-Arrangement

Weihnachten klopft an der Tür. Seit Wochen zieht Plätzchenduft durch das Haus, das Weihnachtsessen ist bereits geplant und letzte Geschenkvorbereitung laufen. Nachdem sich der letzte Weihnachtspost vor allem mit Brauchtum anlässlich des Weihnachtsfestes befasst hat, schaut dieser Post auf Regeln sozialer Ritualen des Geschenkaustauschs. Themen des Posts sind Rituale, Regeln, soziale Funktionen. Explizit wissen die meisten Menschen vermutlich wenig über in Ritualen des Schenkens geltende Regeln und wenden sie trotzdem an, weil sie es gelernt haben und wissen, dass solche Rituale nicht ignoriert werden dürfen. Ignorieren gilt als Gleichgültigkeit und kann Feindseligkeit provozieren. Das Leben ist einfacher und schöner, wenn Menschen keine Feinde und viele Freunde haben. Hierzu verhelfen Geschenke. Weitere Posts der Weihnachtsserie: