Freitag, 25. Mai 2012

Die Begegnung mit der Kultur der Navajos im Monument Valley konfrontiert mit Tragödien von antikem Ausmaß

Blick auf das Monument Valley in Anlehnung an Anselm Adams
In der grandiosen Landschaft des 'Monument Valley' treffen wir auf eine Kultur der Navajo, deren Situation wir als Tragödie von antikem Ausmaß empfinden. Es wäre jedoch ausgesprochen anmaßend, eine derart fremde und komplexe Kultur in ihrer Entwicklung und aktuellen Lage auf einem kurzen Trip als Fremder durchdringen zu wollen. Sie zu ignorieren, wäre andererseits Ausdruck einer nicht zu rechtfertigenden arroganten Haltung. In diesem Konflikt suchen wir einen Mittelweg und konzentrieren uns auf ausgewählte Aspekte einer Kultur, die sich wesentlich schwieriger erschließt als ihre Landschaft, zumal sich Navajos in der Realität eher unzugänglich zeigen.
Die Anmerkungen dieses Artikels basieren auf Erfahrungen einer im Frühjahr 2012 durchgeführten USA-Reise, die ein Blog dokumentiert: Blog der USA-Reise 2012 Darüber hinaus stützt sich dieser Post auf etliche im Internet veröffentlichte Artikel, ohne alle Quellenangaben im Detail aufzuführen  Link: Wikipedia-Artikel 'Navajo' (deutsch) 

Hinsichtlich unserer Haltung sei prinzipiell angemerkt, dass wir als Besucher eines fremden Kulturraumes nicht nur Eindrücke der Landschaft konsumieren möchten, indem wir uns auf das naiv Sichtbare beschränken. Statt dessen versuchen wir zu verstehen, welche dynamischen Kräfte die sichtbaren Phänomene modellieren oder beeinflussen. Selbstverständlich wird es niemals vollständig gelingen, die ethnozentristische Brille der eigenen Kultur abzulegen, die unsere Sicht mit generalistischen Vorurteilen verzerrt. Wir nehmen jedoch an, dass sich Strukturen in fremden Kontexten sichtbar machen lassen, wenn wir uns diese Restriktionen und ihre Effekte bewusst machen. Meistens erweist sich dabei die Exotik des vermeintlich Fremdartigen als eine spezielle Ausprägung bzw. Variante uns vertrauter sozialer Effekte und Strukturen. Der Anspruch dieser Betrachtungsweise verlangt bei der Wahrnehmung kultureller Phänome einige Bemühungen, die durchaus anstrengend werden können. Die Ergebnisse empfinden wir jedoch als eine große Bereicherung im Vergleich zu den Kosten der Bemühungen und zum trügerischen Erkenntnisgewinn scheinbar plausibler Erklärungen.


Lebensraum und Geschichte der Navajo-Kultur

Hogan (traditionelle Navajo Hütte) bei Oljato
Navajo bezeichnen sich selbst als "Diné", was wörtlich „unter der Erde hervorkommendes Volk“ bedeudet und nur im Kontext ihrer Mythologie zu verstehen ist. Die Sprache der Navajos gehört zur 'athapaskischen Sprachfamile', die sonst noch in Alaska, im Nordwesten Kanadas und an der Westküste der USA verbreitet ist. Die Navajo-Kultur ist eng mit der Apachen-Kultur verwandt. Beide Kulturen sind aus dem Norden nach Südwesten vorgedrungen. Der Zeitpunkt ist strittig und steht vermutlich im Kontext zu einer langen Dürreperiode. Diese löste in Nordamerika im Zeitraum 1150 - 1270 n. Chr. eine Völkerwanderung aus, mit der nordamerikanische Kulturen nach Süden vordrangen und die 'Anasazi-Kultur' (Vorläufer von Pueblo-Kulturen) von der 'Mese Verde' und aus dem 'Chaco Canyon' verdängten. Die 'Anasazi' zogen zum Rio Grande (Mexiko), in die 'Sierra Madre del Norte' (Mexiko) und auf die 'Black Mesa' (Arizona), die auch noch heute ein Hopi-Gebiet ist. 


Im Unterschied zu Apachen, die ihre nomadische Lebensweise lange beibehielten, übernahmen Navajos von Pueblo-Kulturen nicht nur Ackerbau und Viehzucht, sondern auch handwerkliche Methoden (Töpfern und Tuchweberei) und schließlich auch künstlerische bzw. religöse Symbolsysteme, die in dekorativen Mustern und Schmuckstücken ihren Ausdruck erhalten. Navajos gaben jedoch das Beutemachen als eine spezielle Form nomadischer Wirtschaft nicht auf. Sie lebten mit benachbarten Stämmen in offener Feindschaft und unterhielten lediglich mit Apachen freundschaftliche Beziehungen. Wie Apachen überfielen auch Navajos, mitunter auch gemeinsam mit Apachen, regelmäßig benachbarte Stämme zum Beutemachen. Eine beliebte Beute waren Sklaven, die für die Feldarbeit, als Hirten oder allgemein für niedrige Arbeiten eingesetzt wurden oder als Handelsware dienten. Aus Europa eingewanderte Siedler waren von den Beutezügen nicht ausgenommen. Spanier verbündeten sich mit Comanchen (ein Zweig der Shoshonen-Linie), um Apachen und Navajos zu bekämpfen. Nordamerikanisches Militär setzte im 19. Jahrhundert diesen Kampf fort und löschte die Navajo-Kultur nahezu aus. Einem brutalen Gemetzel fielen 1864 die meisten der im Canyon de Chelly versammelten Navajo zum Opfer. Die Überlebenden wurden in einem 500 km 'Long Walk', der viele weitere Opfer kostete, in das 'Reservat Bosque Redondo' geführt, das keine ausreichenden Lebensgrundlagen bot. Die Erinnerung an dieses traumatische Geschehen ist bis heute bei den Navajos lebendig.

Ausgerechnet General William T. Sherman, ein Veteran des amerikanischen Bürgerkrieges, dessen Methoden der Kriegsführung äußerst umstritten waren, leitete eine Kommission zur Untersuchung der Zustände im Reservat. General William T. Sherman zeigte sich über die Lage der Navajo im Reservat erschüttert. Am 1. Juni 1868 schloss er als Vertreter der Vereinigten Staaten mit den Navajo einen Vertrag ab, der ihnen die Rückkehr in ihr Stammland ermöglichte und die Rechtsgrundlage für die 'Navajo Nation Reservation' bildete.

Heute zählt die Navajo-Kultur wieder mehr als 300.000 Stammesangehörige, von denen mehr als die Hälfte in dem Reservat der 'Navajo Nation' lebt. Nach mehreren Erweiterungen ist die 'Navajo Nation Reservation' in der Region der 'Four Corners' mit 67.339 km² das größte indigene Reservat in den USA. Das 'Monument Valley' zählt zum Kernland der 'Navajo Nation Reservation', deren Bewohner den 'Canyon de Chelly' als Herzstück ihre Heimat betrachten. Inmitten der 'Navajo Nation Reservation' liegt das Reservat der Hopi. Navajo, von denen Hopi in früheren Zeiten oft überfallen wurden, betrachten Hopi bis heute als ihre traditionellen Feinde. Konflikte gibt es noch immer. Sie drehen sich um Landrechte und vermeintliche oder vielleicht auch tatsächliche Viehdiebstähle.


Soziale und politische Ordnung und die aktuelle Lage in der 'Navajo Nation'

Das Verwandtschaftssystem der Navajo ist matrilinear organisiert, d. h. die weibliche Linie bestimmt die Verwandtschaftsverhältnisse und die Erbfolge. Zudem gilt als Wohnsitzregelung Matrilokalität, das bedeutet, dass ein Mann mit der Heirat zur Familie seiner Frau und in deren Siedlung zieht. Den höchsten Rang innerhalb einer Familie hat die Großmutter ('Shimasani' bzw. 'shimá sáni'). Sie ist nicht nur Hüter und Bewahrer der Kultur, sondern auch höchste Instanz für alle wichtigen Entscheidungen innerhalb der Familie..

Der Stamm der Navajo verteilt sich auf mehr als 50 Clans (erweiterte Familiengruppen, die sich auf einen gemeinsamen Vorfahren beziehen, in einem Territorium zusammen leben und Gemeineigentum praktizieren). Navajos lebten früher in Lokalgruppen von 10 - 40 miteinander verwandter Großfamilien zusammen. Eine Lokalgruppe entspricht keiner Ortschaft. Sie ist lediglich eine Ansammlung verstreuter Anwesen mit einem lokalen Oberhaupt in einem größeren Gebiet. Lokalgruppen existieren noch immer, wobei der Zusammenhalt inzwischen eher über den Wohnort als über die Blutsverwandtschaft hergestellt wird.

Ähnlich den Apachen-Völkern vermeiden auch Navajos möglichst zentrale Stammesorganisationen oder zentrale politische Institutionen und bevorzugen anarchische Organisationsformen. Bis in das 19. Jahrhundert wählten die einzelnen Lokalgruppen jeweils zwei 'Naataanii' (Anführer oder Sprecher) aus dem Kreis erwachsener Mäner und Frauen, von denen einer die Führung in Kriegszeiten übernahm und der andere für alle öffentlichen Angelegenheiten in Friedenszeiten zuständig war. Sowohl Friedens-'Naataanii' als auch Kriegs-'Naataanii' wurden bei ihren täglichen Aufgaben und Pflichten durch 'Hastól' (älteren Männern) und 'Hataoli/Hataali' (heiligen Männern und Frauen) beraten und unterstützt. Für die 'Naataanii' waren diese Männer und Frauen außerordentlich wichtig, weil sie Zugang zu den 'Diyin Diné' hatten (Gottheiten, die als 'heiliges Volk' bezeichnet werden).

Bis zum Jahr 1860 gab es regelmäßige Zusammenkünfte, als 'Naachid' bezeichnete Beratungen, die alle zwei oder vier Jahre (bei Stammeskrisen auch häufiger) stattfanden. Zu den 'Naachid' besprachen 24 'Naataanii' – zwölf für den Frieden und zwölf für den Krieg – in einem speziellen 'Hogan' (traditionelle Navajo-Hütte) alle anstehenden Angelegenheiten. Die Entscheidungen der 'Naachid' waren für die Lokalgruppen nicht bindend. Die Einrichtung ermöglichte jedoch den Navajo eine gemeinsame Entscheidungsfindung zu Themen, die alle betrafen.

Um die Reservation nach der Unterzeichnung des Vertrages von 1868 kontrollieren zu können, setzte das 'Bureau of Indian Affairs' (BIA) eine Marionetten-Selbstverwaltung und später auch immer wieder Häuptlinge und 'Commissioner' ein, die eine Aufsicht ausüben sollten. Die Autonomierechte der 'Navajo Nation' sind mittlerweile ausgedehnt und gestärkt worden. Navajos haben eine frei gewählte eigene Regierung, eine eigene Polizei und eine eigene Gerichtsbarkeit. Ihre Selbstverwaltung folgt dem Prinzip der Gewaltenteilung. Um eine stärkere Unabhängigkeit von den USA zu erzielen, ist jedoch ihre Ökonomie zu schwach und die Armut zu groß. Der Boden des Reservats ist reich an Rohstoffen, wie Erdöl, Erdgas, Kohle, Holz und Uran, die zwar Geld einbringen, aber auch Probleme aufwerfen, wie z. B. zunehmende Zerstörung der Umwelt, Gefährdung der Gesundheit (u. a. durch Verstrahlung) oder Zwangsumsiedlungen, die von der US-Regierung angeordnet sind. Es gibt weder Betriebe, die Rohstoffe verarbeiten können noch eine eigene Dienstleistungswirtschaft.

Dass die Tradition einer historisch-kulturell begründeten anarchischen Ordnung auch noch in der Gegenwart in der Navajo-Kultur besteht, konnten wir selbst erleben. Touristische Führungen sind sicher eine bedeutende Einnahmequelle im 'Monument Valley'. Führungen werden jedoch nicht zentral organisiert, sondern müssen mit authorisierten 'guided tour operators' ausgehandelt werden. Der Park-Flyer weist mehr als 20 solcher 'operators' aus, von denen die meisten nicht einmal über das Internet, sondern nur telefonisch erreichbar sind. Vor Ort sitzen die Agenten der 'Operators' in primitiven Hütten und spielen Karten. Interessierte Kunden müssen selbst aktiv werden und die Angebote erfragen. 'Operators' erwerben die Berechtigung zur Führung gegen Zahlung einer jährlichen Lizenz, mit der sie zugleich Regelungen und Tarifbestimmungen unterworfen sind. Diese Regelungen mögen eine gewisse interne Transparenz zwischen den Anbietern herstellen und zu Vermeidung von Konflikten beitragen. Für Touristen entsprechen die Bedingungen, unter denen diese touristischen Dienstleistungen vermarktet werden, nicht den uns bekannten Vorstellungen von Dienstleistungsorientierung, Kundenfreundlichkeit und Transparenz.

Mit der Größe einer Organisation nimmt bekanntlich auch ihre Komplexität zu. Eine anarchische Organisation  dürfte in ihrer kollektiven Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit unter Bedingungen der Komplexität weniger leistungsfähig sein als eine hierarchisch strukturierte Organisation. Vermutlich ist es auf der Grundlage einer anarchischen Ordnung erheblich schwieriger oder vielleicht sogar unmöglich, große Entwicklungsprojekte zu stemmen, die hohe Investitionen mit langfristigem Charakter erfordern. Vor- und Nachteile der jeweiligen Organisationsformen verzerren unter Bedingungen wachsender Komplexität zunehmend den Wettbewerb zwischen anarchisch und hierarchisch organisierten Kulturen zum Vorteil hierarchischer Kulturen und zum Nachteil anarchischer Kulturen.

Bedrängt von unserer dominanten westlichen Kultur geraten anarchische Kulturen unter Druck. Entweder passen sie sich an und geben damit ihre eigene Kultur weitgehend auf oder sie ziehen sich in Nischen zurück (sofern solche bestehen). Ein großer Teil der Hopi scheint das erkannt zu haben. Sie lehnen Assimilation ab, vermeiden möglichst Kontakte mit der westlichen Kultur und haben sich für eine Existenz in Nischen entschieden. Die 'Navajo Nation' will ihre kulturelle Identität ebenfalls nicht aufgegeben, öffnet sich aber dem Tourismus, um Erwerbsquellen zu nutzen. Dass sie sich damit einen Weg in die Zukunft ihrer Kultur erschließen, können wir nicht erkennen. Die Besinnung auf die Werte der eigenen kulturellen Tradition stiftet Segen und Fluch zugleich. Sie erzeugt Tragik.

Den Navajo ergeht es wie der 'Aborigenes' Kultur Australiens oder Kulturen in Afrika, Südamerika und im pazifischen Raum. Als eigenständige Kultur sind sie der dominanten westlichen Kultur ökonomisch wie politisch unterlegen und darum dem Untergang geweiht. In unserer Kultur besteht gegenüber dieser Tragik eine große Gleichgültigkeit. Wir beklagen in der westlichen Kultur den Untergang der Artenvielfalt in der Natur. Schutzorganisation kämpfen mit Spendenmitteln für bedrohte Landschaftsräume und ihre Tier- und Pflanzenarten. Warum sind bedrohte menschliche Kulturen weniger schützenswert? Auf diese für uns spannende Frage bietet sich spontan keine Antwort an. Diese Problematik wollen wir aber auch nicht nur hinnehmen. Wir werden den Fragen weiter nachgehen.
 

Anmerkungen zum 'The View Hotel'

View Hotel im Monument Valley (vom Wildcat Trail)
In Anbetracht der Lage in der 'Najavo Nation' erscheint uns das 'The View Hotel' wie ein Ufo, das aus einer fernen Welt angereist ist und in der Landschaft des 'Monument Valley' landet oder vielleicht auch strandet. Wir fragen uns, wie dieses Objekt an diesen Platz gelangt ist. Wer sind die Eigentümer und Betreiber? Wo kommen die Mittel für dieses Investment her? Wie lässt sich dieses Objekt in diesen Kulturraum intergrieren?

Eigentümerin des Hotels ist Armanda Ortega-Gordon, die in mütterlicher Linie Navajo ist. Die väterliche Linie geht auf Immigranten aus der westlichen Kultur zurück. Als 'Trader' (Händler) sind sie offensichtlich zu Reichtum gelangt, indem sie von Einheimischen angefertigte Produkte aufkauften und in Shops als Souvenir, Geschenk, Kunsthandwerk oder native Kunst an Touristen verkauften. Auch in der Gegenwart laufen die Geschäfte offensichtlich gut und die Handelsspannen scheinen hoch genug zu sein, um 14 Millionen US $ für den Bau dieses Hotels investieren zu können. Innerhalb des Hotelkomplexes ist uns der große Shop aufgefallen, in dem neben dem üblichen Souvenirkitsch auch ästhetisch anspruchsvolle indigene Produkte wie Schmuck, Keramik, Decken, Teppiche, Schnitzererein und Sandgemälde zu stolzen Preisen verkauft werden. Der Shop ist das Zentrum des Kerngeschäftes von Armanda Ortega-Gordon. Während unseres Aufenthaltes zeigen sich viele Touristen ausgesprochen kauffreudig. Das Geschäftsmodell scheint zu funktionieren.

Auf welchen Vereinbarungen die Kooperation mit ansässigen Navajos ruht, können wir nicht ermitteln. Dass Arbeitsplätze mit sicheren Einkünften entstanden sind, ist positiv anzumerken. Zu vermuten ist jedoch auch, dass der Mehrwert der produzierten Güter und Dienstleistungen nach Prinzipien kapitalistischer Ausbeutungs-Kultur verteilt wird. Andernfalls gäbe es nicht dieses Gefälle zwischen Armut und Reichtum. Wir wollen diese Sachverhalte lediglich protokollieren, aber keine Noten verteilen, weil keine objektiven Kritierien für eine Notengebung existieren. Unsere eigene Meinung wollen wir aber auch nicht verheimlichen. Das 'The View Hotel' ist für uns ein großartiger Standort. Es hat seinen Preis, den Lage und alle Annehmlichkeiten des Komforts u. E. rechtfertigen. Der Preis, der auf Seiten der Navajo-Kultur für den Betrieb des Hotels zu zahlen ist, scheint uns wesentlich höher zu sein. Das Hotel ist ein Infekt westlicher Kultur, der den Untergang der Navajo-Kultur beschleunigt und sie zu Folklore verkommen lässt. Ob der Profit diesen Preis rechtfertigt, mögen die Betroffenen selbst bewerten. Wir vermuten, dass die Regeln der Verteilung des Profits keine Regeln der Navajo-Kultur sind, sondern den uns bekannten Regeln westlicher Kulturen entsprechen. Die meisten Beteiligten erhalten minimale Anteile, die gerade so hoch sind, dass die Kooperationsbereitschaft nicht aufgekündigt wird. Wenige Beteiligte sichern sich den Löwenanteil, für den es keine schlüssige Rechtfertigung gibt. Die Mittel des Löwenanteils reichen aus, um die Institutionen des politischen Systems auf einen Kurs zu lenken, der diese Verteilungsmechanismen absichert.


 Welche Schlüsse erlauben unsere Beobachtungen?

Auch ohne Bezug auf das 'The View Hotel' ist zu erkennen, dass die Kultur der Navajos unter dem Einfluss der westlichen Kultur und ihrer Tourismusindustrie stehen. An vielen Orten im Valley bieten fliegende Händler ihre Waren an, und versuchen, mit großzügen 'Discounts' Interessenten anzulocken. Das kann nicht wirklich funktionieren, weil jeder Stand mit 'Discounts' wirbt. Dieser Sachverhalt zeigt aber, dass marktförmige Strukturen und darauf angepasste Verhaltensweisen des westlichen Stils bereits die Kultur der Navajo durchdrungen haben. Brandmauern kultureller 'Firewalls' sind bei den Navajo (anders als bei Hopi) bereits porös. Die westliche Kultur ist bereits eingedrungen. Es bedarf keiner Fähigkeiten eines Wahrsagers, um vorauszusagen, dass die Navajo-Kultur im Sinn ihres eigenen traditionellen Anspruchs nicht überleben wird.

Spanische Missionare vermochten Navajos ebensowenig nachhaltig zu überzeugen wie die Politik der USA und ihrer Vorläufer. Diese Bestrebungen haben eher das Gegenteil ihrer Intentionen verstärkt, nämlich eine Abwendung und kulturelle Abgrenzung. Ökonomische Entwicklungen, die keinem gezielten Plan folgen, bewirken dagegen eine Annäherung und zunehmende Verschmelzung von Kulturen. Religiöse und allgemeine kulturelle Werte müssen dabei nicht verloren gehen. Sie können durchaus überleben, weil sie zu privaten Angelegenheiten werden. In dieser Form erlauben sie weiter eine individuelle kultrurelle Identifikation. Als Fixpunkte, die eine Kultur verankern, taugen sie nicht mehr. Den Ankern fehlt nämlich der Grund.

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