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Donnerstag, 26. April 2018

Nachgefragt: "Was ist Glück und was macht Menschen glücklich?" (Vers. 1.4, 05.05.2018)

Was ist Glück - Wenzel Hablik.jpg
Gedicht der Frankfurter Anthologie
Wer zu ergründen versucht, was Glück ist, woraus es besteht und was glücklich macht, stellt bald fest: Glück ist ein vielschichtiger und vieldeutiger emotionaler Zustand, den wir spüren, der sich aber gegen inhaltliche Beschreibungen sperrt.(1) Glück kann für jeden etwas anderes und auch Gegenteiliges bedeuten.(2) Selbst ein und dieselbe Person wird je nach Lebensalter und Lebenssituation wahrscheinlich unterschiedliche Antworten auf Fragen nach Glück finden. Glück ist offensichtlich keine einfache Variable, die sich wie z.B. Gewicht oder Geschwindigkeit mit metrischen Verfahren bestimmen lässt. Glück und assoziierte emotionale Zustände beeinflussen soziokulturelles Umfeld, genetisches und soziales Erbe, individuelle Wahrnehmung, individuelles Alter, Zufälle.
Der aktuelle Artikel betrachtet verschiedene Arten von Glück, für die gilt, dass wir sie zwar beeinflussen, aber nicht vollständig kontrollieren können. Neben beeinflussbaren Arten des Glücks ist eine weitere Art von Glück identifizierbar, nämlich unerwartet oder zufällig eintretende günstige Ereignisse (Zufallsglück, 'luck'). Schicksalhafte Ereignisse sind nicht willentlich zu beeinflussen.(3) Zufallsglück betrachtet dieser Artikel nicht.


 Abstracts

 Wer die Essenz von Glück sucht, den machen Definitionen von Glück nicht glücklich:
Trotz aller Schwierigkeiten bei der Bestimmung von 'Glück' befassen sich Menschen mindestens seit der Antike ernsthaft mit Antworten auf Fragen nach Glück. Vermutlich auch schon vorher, aber darüber geben keine Quellen Auskunft. Mit dem Aufkommen des Utilitarismus in der Sozialphilosophie erlebt antike Glücksphilosophie eine Renaissance und wird zum Fundament marktwirtschaftlich-liberaler Theorien und Sozial-Systeme.(4) Unter dem Einfluss von Logischem Empirismus und Behaviorismus verzichten Wissenschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf vermeintlich unwissenschaftliche Aussagen über fremdseelische Zustände.

In der Gegenwart öffnen Neurowissenschaften und Konzepte der Psychologie wie Positive Psychologie, Glücksforschung, Flow-Theorie, Selbstbestimmungstheorie, Persönlichkeitspsychologie Fenster zu Räumen, die wir zwar aus eigenem Erleben kennen, die aber von außen schwer zugänglich sind. Die Beschäftigung mit derartigen Theorien und Modellen bringt uns Antworten zu der Frage näher, was Menschen glücklich macht.(5) 

Zunehmendes Wissen bedingt eine zunehmende Differenzierung wissenschaftlicher Fachgebiete. Während Wissenschaften interdisziplinäre Auseinandersetzungen eher vermeiden und ihre typische Arbeitsweise innerhalb willkürlich gesetzter Grenzen von Disziplinen entfalten, verknüpft dieser Artikel Erkenntnisse unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen mit der Welt individueller Erfahrungen und betrachtet Interdependenzen mit kritischem Blick.


Inhaltsverzeichnis
  1. 1  ‚Glück’ in der Theorie: Erklärungsmodelle des Glücks
    1.1 Was wissen Evolutionsbiologie und Neurowissenschaften über Glück? 

    1.2 Glücks-Konzepte der Psychologie
    1. 1.2.1  State-Trait-Konzept der Glückspsychologie
    2. 1.2.2  Lebensglück lt. Selbstbestimmungstheorie
    3. 1.2.3  Flow-Theorie: Glück als Flow
    4. 1.2.4  Broaden-and-build-Therorie
    5. 1.2.5  Resilienz
    1.3 Kategorien-Blindheit wissenschaftlicher Erklärungen 
    1.4 Buddhismus als Weg zum Glück
  2. 2  'Glück' in der Praxis: Jeder strebt nach ‚Glück’! Was macht Menschen glücklich? 
    2.1 Hedonistisches Glück
    1. 2.1.1  Nahrungs- und Ernährungsglück
    2. 2.1.2  Fastenglück
    3. 2.1.3  Erfolgsglück
    4. 2.1.4  Soziales Glück
    5. 2.1.5  Entspannungsglück
    6. 2.1.6  Sex
    7. 2.1.7  Liebesglück
    8. 2.1.8  Erkenntnisglück
    2.2 Lebensglück
    1. 2.2.1  Hürden und Herausforderungen von Lebensglück
    2. 2.2.2  Langfristiges Liebesglück
    3. 2.2.3  Freiheitsglück
    4. 2.2.4  Religiöses Glück
    2.3 Flow
  3. 3  Mein Haus, mein Auto, mein Boot: Glück als Produkt
         Versionshistorie 
         Anmerkungen


 1 'Glück' in der Theorie: Erklärungsmodelle des Glücks
 
1.1 Was wissen Evolutionsbiologie und Neurowissenschaften über Glück?(6)
Forschungen der Evolutionsbiologie und der Neurowissenschaften verdanken wir Erkenntnisse über biologische Grundlagen von Glücksgefühlen. Positive Reaktionen auf Schlüsselreize beruhen auf neurophysiologischen Belohnungsreizen. Nachgewiesenen Einfluss auf Glücksempfindungen haben köpereigene Opiate (Endorphine) und Hormone wie Oxytocin sowie die Neurotransmitter (Botenstoffe) Dopamin und Serotonin. Glücksgefühle werden als ursprüngliche Belohnungsfunktion für Verhaltensweisen verstanden, die dem eigenen Überleben und der Reproduktion der Art dienen.(7) Kulturell erworbene Fähigkeiten bringen im Kontext von sozialer Interaktion, Konsum, Drogen, Sport, etc. neue Techniken zur Erreichung von Glücksgefühlen hervor. Oft reicht bereits ein Bezug auf Symbole, um Begehren auf erreichbares Glück zu wecken oder Neid auf solche Menschen zu provozieren, die vom Glück auserwählt zu sein scheinen. Welche Aktivitäten oder Bedingungen Glückshormone freisetzen, betrachtet das 2. Kapitel dieses Artikels.

Entgegen dem Alltagsdenken ist gemäß aktuellem Stand des Wissens der Einfluss von Emotionen auf Verhalten deutlich größer als der Einfluss von Ratio. Der renommierte Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth behauptet: "Verstand und Intellekt haben für sich genommen keine Verhaltensrelevanz. Ausschlaggebend ist das Gefühl."(8) Das limbische System (Hirnareale, die Emotionen verarbeiten, Triebverhalten steuern, auf Gefahren reagieren und Endorphine (körpereigenen Opioide) ausschütten) funktioniert nach dem Prinzip der Maximierung von Lust und Minimierung von Schmerz und ist oft mächtiger als Funktionen des Neocortex, die für Intelligenz und Bewusstsein verantwortlich sind. In direkter Konkurrenz der beiden Systeme unterdrücken Emotionen des limbischen Systems rationale Erwägungen des präfrontalen Cortex.(9) 

Als Folge der beiden konkurrierenden Hirnsysteme wird die Tendenz zum sogenannten 'delay discounting' gedeutet, dem Abwerten zeitlich verzögerter Belohnungen. Wenn wir uns im Bett ausbreiten, auf ein Sofa oder einen bequemen Sessel kuscheln, fernsehen und Schokolade, Nüsse und kalorienreiche Getränke zuführen, breitet sich ohne zeitliche Verzögerung ein spontanes entspanntes Wohlgefühl aus, obwohl wir wissen, dass wir uns langfristig schaden und ein Fitnessprogramm die langfristig bessere Alternative für unsere Gesundheit, das Aussehen und unser gesamtes Wohlbefinden wäre.


1.2 Glücks-Konzepte der Psychologie

1.2.1 State-Trait-Konzept der Glückspsychologie(10)
Das Stait-Trait-Konzept der Psychologie (Glücksforschung) greift das antike Glücksverständnis von Hedonismus und Eudamonia auf, wenn es Bedeutungen und Kontexte von 'Glück' als 'State' und 'Trait' unterscheidet
  • Glück als 'State' (Zustand, Situation) bezeichnet temporär, situativ, selten und mit kurzer Dauer auftetende starke positive Emotionen, große Freude, Begeisterung, Entzücken (Wohlfühlglück, 'happiness'). Glückserlebnisse i.S. von 'state' variieren über Variablen wie: Zeitalter, Kultur, Lebensbedingungen, Geschlecht, Lebensalter, Lebenserfahrung, individuelle genetische Ausstattung, aktuelle Kontexte.
    Für einen Verdurstenden bedeutet ein Schluck Wasser größtes Glück. Für einen Ertrinkenden bringt Wasser den Tod. Was einen Mensch glücklich macht, kann für einen anderen Menschen Hölle sein.
  • Glück als 'Trait' (Persönlichkeitseigenschaft) bezeichnet relativ stabile, zeitlich überdauernde, auf Glückserfahrungen aufbauende, biografisch entwickelte Lebenszufriedenheit bzw. Lebensglück als Ausdruck eines gelungenen Lebensentwurfs. Unter welchen Bedingungen sich Gefühle von Lebensglück entwickeln können, betrachtet der nachfolgende Abschnitt. 

1.2.2 Lebensglück ('Trait') lt. Selbstbestimmungstheorie(11)
Vertreter der Selbstbestimmungstheorie (Self-Determination Theory, SDT) identifizieren drei permanente, kulturübergreifende psychologische Grundbedürfnisse, die als motivationsbestimmende Faktoren das eigene Verhalten steuern und maßgeblichen Einfluss auf psychische Gesundheit haben: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Wer diese drei Bedingungen in Einklang zu bringen mag, verleiht Verhalten und Lebensweise Sinnhaftigkeit und erzielt Lebensglück.
  • Autonomie bezeichnet den Wunsch zu einer selbstbestimmten Lebensführung, bei der Menschen ihre Entscheidungen vermeintlich frei treffen bzw. individuelles Verhalten nicht extern vorgegeben ist. Autonomie ist keine absolut Größe i. S. der Unabhängigkeit von anderen Personen und Rahmenbedingungen. Grenzen des Rahmens müssen jedoch hinreichend weit gesteckt sein, damit ausreichend große Spielräume für Gestaltungsfreiheiten bestehen. Selbst gesetzte Ziele und Freiwilligkeit des Verhaltens ermöglichen Identifikation mit Verhaltenszielen und Handlungsweisen. 
  • Kompetenz, die Fähigkeit, wichtige schwierige Aufgaben dank effektiver Handlungsweise erfolgreich zu lösen und an ihnen zu wachsen, ist eine Voraussetzung für Autonomie. Die Entwicklung von Kompetenz verlangt Anstrengungen und setzt Lernbereitschaft und Lernfähigkeit voraus. Handlungskompetenz ist Voraussetzung für Lebenskompetenz. Mit wachsender Kompetenz steigen der Grad von Autonomie sowie die Attraktivität einer Person für potentielle Partnerschaften und Kooperationen.
  • Soziale Eingebundenheit umschreibt positive zwischenmenschliche Beziehungen im privaten und beruflichen persönlichen Umfeld. Positive Beziehungen setzen individuelle Kompetenz und Autonomie voraus und bedingen ein gemeinsames Verständnis von sozialen Regeln und ethischen Standards. Gemeinsame Ziele und die Gegenseitigkeit von Vertrauen und Wertschätzung ermöglichen erfolgreiche Kooperationen bei der Umsetzung anspruchsvoller gemeinsamer Ziele.
    Mit sozialer Einbindung entsteht eine partielle Fremdbestimmung, weil individuelle Autonomie teilweise aufzugeben ist. Dieser Sachverhalt ist kein grundsätzlicher Widerspruch zum Autonomie-Bedürfnis, sondern eine Voraussetzung für Kooperationen (z.B. Paarbeziehungen, Familien, Orchester, Chöre, Sportmannschaften etc.).

1.2.3 Flow-Theorie: Glück als Flow(12)
Flow bezeichnet das ohne äußere Einflüsse selbstbelohnende Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit, die scheinbar mühelos wie ein Automatismus abläuft. Flow-Zustände können in hypnotische oder ekstatische Trance übergehen. Möglicherweise ist der Flow bereits als Trance zu erklären. Neurobiologische Mechanismen von Flow-Erlebnissen sind nicht abschließend geklärt. Neben Art und Stärke von Anforderungen scheinen Entspannung und gleichbleibende rhythmische Bewegungen an der Entstehung von tranceartigen Zuständen beteiligt zu sein.

 
1.2.4 Broaden-and-build-Therorie(13)
Die US-amerikanische Psychologin Barbara L. Fredrickson hat zu Erklärungsmodellen der Positiven Psychologie die Broaden-and-build-Therorie beigetragen, gemäß der positive Emotionen wie Vergnügen, Freude, Liebe sich nicht nur auf das Sichern des Überlebens auswirken, sondern das Denken, Erleben und Handeln von Menschen verändern und über die Zeit ein erweitertes Verhaltensreservoir neuer Fähigkeiten und Ressourcen schaffen. Eine positive Aufwärtsspirale entwickelt eigene Dynamik, weil wiederholtes Erleben positiver Emotionen motivierend wirkt.

 
1.2.5 Resilienz(14)
Das Konzept der Resilienz beruht als Erklärungsmodell der Persönlichkeitspsychologie auf der Beobachtung, dass psychische Verwundbarkeit (Vulnerabilität) sowie psychische Widerstandsfähigkeit (Resilienz) von Menschen individuell unterschiedlich ausgeprägt sind und Stärke der Ausprägung sowie Strategien der Krisenbewältigung durch eine Reihe von Einflussfaktoren bestimmt werden. Resiliente Menschen bewältigen Krisen nicht nur leichter als andere Menschen, sie nutzen Krisen als Anstoß für Entwicklungen ihrer Persönlichkeit. In der Persönlichkeitspsychologie werden Menschen als resilient bezeichnet, die gemäß Big-Five-Modell einen niedrigen Neurotizismus-Wert und leicht überdurchschnittliche Werte in den vier übrigen Dimensionen aufweisen. Resiliente Menschen haben gelernt, dass sie selbst ihr eigenes Schicksal bestimmen. Sie haben ein realistisches Bild von ihren Fähigkeiten, hoffen nicht auf Glück oder Zufall und nehmen Dinge selbst in die Hand.

 
1.3 Kategorien-Blindheit wissenschaftlicher Erklärungen
Während Neurowissenschaften und Psychologie nahelegen, dass Menschen nur begrenzt rational entscheiden und Entscheidungen eher von Emotionen beeinflusst sind, basieren Handlungsmodelle der Wirtschaftswissenschaft (Homo oeconomicus) und teilweise auch der Mikrosoziologie (RREEMM) auf Theorien der rationalen Entscheidung, die Entscheidungen von Akteuren mit Erwartungen der Nutzenmaximierung bzw. Kostenminimierung erklärt. Vertreter dieser Theorien räumen den Modellcharakter ihrer Theorien ein und verweisen auf Vorteile. Bei Berücksichtigung von Randbedingungen ermöglicht die Annahme menschlicher Verhaltenskonstanten brauchbare Voraussagen über Handlungen individueller Akteure.

Nutzen ist kein Synonym für Glück. Glück ist keine ökonomische oder soziologische Kategorie. Individuelle Befindlichkeiten, Emotionen, Kognitionen, organischer Stoffwechsel und Hirnaktivitäten liegen außerhalb des Gegenstandsbereichs von Ökonomie und Soziologie. Empirische Sozialforschung verwendet jedoch als Sozialindikatoren auch Glücksindikatoren, um mittels Befragungen zu ‚messen’, unter welchen Bedingungen der Lebensbewältigung Menschen mehr oder weniger glücklich, zufrieden oder unzufrieden sind. Indikatorensysteme sind nicht problemfrei und vergleichende ‚Glücksmessungen’ über Bevölkerungsgruppen (Kohorten) gelten als besonders problematisch.(15)

Soziologie (insbesondere Makrosoziologie) macht soziale Tatbestände und Sozialstrukturen sowie die ihnen zugrunde liegenden sozialen Wertvorstellungen und Normen zum Untersuchungsgegenstand. Soziologische Gegenstände dieser Art existieren unabhängig vom Einzelnen. Sie werden unbewusst wahrgenommen und üben trotzdem Einfluss auf Verhalten aus. Bedingungen soziologischer Verhaltenserklärung liegen außerhalb des Horizonts wissenschaftlicher Disziplinen der Biologie, Physiologie, Neurowissenschaften, Psychologie, Informatik.

Kognitionen umfassen, was Individuen über sich selbst, andere Menschen und ihre Umwelt wissen und denken. Kognitionen sind das individuelle Konstrukt, mit dem Menschen die Welt erkennen und erklären. Jeder Wahrnehmungsvorgang hat einen kognitiven und einen emotionalen Anteil. Kognitionen und Stimmungslagen bzw. Emotionen beeinflussen sich wechselseitig und enthalten Anteile nicht bewusster Wahrnehmung. Selbst wenn wir über soziale Strukturen informiert wären, bleiben sie unsichtbar und hinterlassen dennoch Spuren in Kognitionen, beeinflussen unbewusst Wahrnehmung, filtern Informationsverarbeitung und bilden Randbedingungen für Entscheidungen und Verhalten.

Auf derartige Zusammenhänge haben nicht erst Émile Durkheim (Kollektivbewusstsein) und Carl Gustav Jung (Kollektives Unbewusstes) aufmerksam gemacht, sondern bereits Karl Marx, ein Sachverhalt, der anlässlich des 200. Geburtstages von Karl Marx (5. Mai 1818) erneut wahrgenommen wird. Karl Marx war trotz aller Irrtümer nicht nur ein scharfsinniger Ökonom und Philosoph, sondern auch Soziologe (ohne dass diese Bezeichnung damals existierte). Bereits 1857-1859 formuliert Karl Marx im unvollendeten Entwurf zur ‚Kritik der Politischen Ökonomie’ (Vorarbeiten zum Hauptwerk ‚Das Kapital’) nachfolgende Aussagen:(16)
  • „Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“ (MEW 13, S. 9)
  • „Die Produktion produziert daher nicht nur einen Gegenstand für das Subjekt, sondern auch ein Subjekt für den Gegenstand.
    Die Produktion produziert die Konsumtion daher, 1. indem sie ihr das Material schafft; 2. indem sie die Weise der Konsumtion bestimmt; 3. indem sie die erst von ihr als Gegenstand gesetzten Produkte als Bedürfnis im Konsumenten erzeugt. Sie produziert daher Gegenstand der Konsumtion, Weise der Konsumtion, Trieb der Konsumtion. Ebenso produziert die Konsumtion die Anlage des Produzenten, indem sie ihn als zweckbestimmendes Bedürfnis sollizitiert.“
    (MEW 13, S. 622)
Wer will dem Gehalt dieser Aussagen widersprechen (die wir heute selbstverständlich anders formulieren würden)? Den Beweis der Korrektheit der Aussage liefert Marketing, das Erkenntnisse und Annahmen über Wechselwirkungen zwischen Kognitionen und Emotionen sowie zwischen bewusster und unbewusster Wahrnehmung nutzt, um Bedürfnisse für nicht benötigte Waren zu erzeugen, Markt und Konsum solcher Waren anzuregen, die Produktion dieser Waren zu befeuern. Erst derartige verborgene Zusammenhänge ermöglichen eine allgegenwärtige Manipulation von Glücksemotionen, die weitreichende Auswirkungen auf menschliches Verhalten hat, wie nachfolgende Kapitel dieses Artikels aufzeigen.

 
1.4 Buddhismus als Weg zum Glück(17)
Unser Verständnis von Lebensglück und Lebenssinn ist geprägt vom liberalen Humanismus, der den Fokus auf individuelle Menschen und deren Rechte legt. Jeder einzelne Mensch besitzt unveräußerliche Rechte und eine unantastbare Würde. Glück ist eine Frage des individuellen Wohlbefindens und des Strebens, das eigene Leben als sinnvoll und lohnend zu empfinden. Subjektive Erwartungen und Vergleiche bilden Metriken für die Vermessung von Größe des Glücks.

Diese kulturell verankerte und in der Sozialisation vermittelte Perspektive ist für uns selbstverständlich, aber sie ist nicht alternativlos, wie z.B. der Buddhismus deutlich macht. Aus buddhistischer Sicht haben subjektive Empfindungen keine Bedeutung und sind zugleich Ursache von Leid, solange Menschen beliebigen subjektiven Empfindungen Beachtung schenken und ihnen nachjagen. Glück bedeutet im Gegenteil die Loslösung von Fragen nach eigenen Gefühlen. Erst wenn sich der Geist von aller Unruhe, allen Denkvoraussetzungen und allen Wünschen befreit, wird er klar und innere Ruhe tritt ein. Wer das verstanden hat und in seinem Leben praktiziert, ist ‚erleuchtet’. Erleuchtung ist nur auf einem langen Weg des Lernens zu erreichen. Erleuchtet zu sein bedeutet, völlig im Hier und Jetzt zu leben, Verbundenheit mit allen lebenden Wesen zu fühlen, zu wissen, wie und was die Welt ist, wunschlos glücklich zu sein.

Zielgerichtete Übungen des Lernens (Training) sind nicht nur im Buddhismus üblich und gehören epochenübergreifend zum Standard vieler Kulturen. Ziele von Glücksidealen erfordern systematische Übungen und Befreiung von Gewohnheiten und Begierden, die das Erreichen von Zielen be- oder verhindern. Theorien in Form von Religion, Philosophie, Weltanschauung, Wissenschaft rechtfertigen praktische Lebenskunst und versprechen die Veredlung des Lebens.


2 'Glück' in der Praxis: Jeder strebt nach 'Glück'! Was macht Menschen glücklich?

Die als 'state' und 'trait' umschriebenen Arten von Glück operieren in unterschiedlichen Kontexten und Zeithorizonten mit unterschiedlichen Wirkungs-Mechanismen.
  • Temporäre Glücksgefühle als Bewusstseinszustand beruhen auf einem genetisch programmierten körpereigenen Belohnungssystem unseres Stoffwechsels, der sich unserer eigenen Kontrolle entzieht. Einfluss nehmen können wir lediglich auf Reize, von denen wir wissen oder erwarten, dass unser internes Belohnungsystem auf sie mit der Ausschüttung solcher Glückshormone reagiert, die uns in einen belohnenden Bewusstseinszustand versetzen. 
  • Im Unterschied zum 'state' ist Lebensglück keine hormongesteuerte Reise auf 'Wolke 7'. Lebensglück ist ein wertendes Statement der Zufriedenheit beim verdichteten Rückblick auf das eigene Leben. Fehler, Irrtümer, Niederlagen und Misserfolge sind  im Leben unvermeidbar. Das ist die Kostenseite des Lebens, die mit Gewinnen zu verrechnen ist. Individuelles Lebensglück bildet den Saldo über zahllose Einzel-Entscheidungen und -Aktivitäten. Wer ein mutiges, aktives Leben führt und nicht nur auf vermeintlich richtige oder angemessene, sondern auf kühne Entscheidungen und auf erfolgreiche Realisierungen wertvoller Ziele zurückblicken kann, entkommt Gefühlen der Fremdbestimmtheit, Sinnlosigkeit, Wertlosigkeit. Zum Lebensglück verhilft jedoch erst empathische Wertschätzung im eigenen sozialen Lebensumfeld. Nur Asketen und Eremiten können für sich alleine in der Einsamkeit Glück erlangen. Darum werden sie als Heilige, Lehrer und Vorbilder verehrt.
Glück ist offensichtlich kein homogenes Erlebnisfeld, sondern kennt mindestens zwei Ausrichtungen, die sich in unterschiedlichen zeitlichen Perspektiven manifestieren. Individuelles hedonistisches Glücksstreben im Sinne starker positiver Emotionen bezieht sich auf das aktuelle Befinden in einem zeitlichen Moment (state). Zufriedenheit mit gelungener Lebensführung ist eine rückschauende Wertung über eine gemäß menschlichen Maßstäben lange Zeitstrecke (trait). Beide Seiten von Glück bilden im westlichen Kulturraum nicht diskutierbare Selbstverständlichkeiten, die in Menschenrechten, Gesetzen und zumindest vom Anspruch her in politischen Programmen verankert sind.

Die Frage, worin individuelles Glück besteht, wie es zu erlangen ist und welcher Art Zusammenhänge zwischen Glücksmomenten (state) und Lebensglück (trait) sind, lässt sich weder allgemeingültig noch zeit- und kulturunabhängig beantworten. Dass Glücksgefühle mit Stoffwechselvorgängen in Verbindung stehen und mit typischen Mustern von Hirnaktivitäten einhergehen, ist unstrittig, besagt aber wenig, solange beteiligte kognitive Prozesse bzw. Wechselwirkungen zwischen externen Bedingungen und eigenen Einstellungen, Bemühungen, Fähigkeiten etc. unberücksichtigt bleiben. Trotz aller inhaltlicher Unbestimmbarkeit von Glückserfahrungen sind jedoch universelle strukturelle Muster inkl. ihrer evolutionsbiologischen und neurophysiologischen Korrelate identifizierbar.


2.1 Hedonistisches Glück
Hedonistisches Glück beruht gemäß verbreitetem Verständnis auf erfolgreicher Befriedigung von Bedürfnissen. Unbewusste biochemische Prozesse, die als emotionale und motivationale Impulse wahrgenommen werden, steuern Aktivierung und Sättigung von Bedürfnissen. Bedürfnisse resultieren nicht allein aus unmittelbaren Lebensanforderungen, wie sie Ernährung, biologische Reproduktion, soziale Selektion, Kooperationsanforderungen etc. darstellen. Zusätzlich wirken kognitive Fähigkeiten, Kommunikation und Interaktion modellierend auf Bedürfnisse ein und ermöglichen Plastizität von Bedürfnissen.

Die Koppelung elementarer neurophysiologischer Mechanismen mit kognitiven Strukturen weist deutlich über individuelle Befindlichkeiten hinaus. Sie bildet die Voraussetzung für die Entwicklung kultureller Lebensräume und lässt Systeme entstehen, die ihre Dynamik aus selbst kreierten Bedürfnissen speist. Hedonistisches Glücksstreben treibt marktwirtschaftlich organisierte Kulturen an, in denen Marketing und Werbung Gegenstände (Objekte, Symbole und Aktivitäten) des Konsums mit Glücksattributen oder Glücksversprechen ausstattet. Ein hoher Anteil zirkulierender Waren und Dienstleistungen dient der Befriedigung hedonistischer Bedürfnisse gegen Geld. Ob ein Mensch tatsächlich durch Konsum glücklich wird und wie lange dieses Glück ggf. anhält, ist unerheblich. Was zählt, ist lediglich die Stärke der Konsumbereitschaft.

Wie in marktwirtschaftlich organisierten Kulturen hedonistische Glücksbedürfnisse und wirtschaftliche Kalküle miteinander verwoben sind, betrachtet die nachfolgende Aufstellung. Eine Wertung dieses Sachverhaltes bleibt jedem selbst überlassen.(18) Identifizierte Unterfraktionen hedonistischen Glücks und deren Bezeichnungen beruhen auf eigenen Überlegungen, die keinen verbreiteten Standards entsprechen. Nicht zu übersehende komplementäre antagonistische Paarbildungen emotionaler Affekte vertieft dieser Artikel nicht im Detail.


2.1.1 Nahrungs- und Ernährungsglück
Nur mit ausreichend energiereicher Nahrung ist ein Überleben möglich. Eine kontinuierliche Versorgung mit energiereicher Nahrung war in der menschlichen Entwicklungsgeschichte eher die Ausnahme als die Regel und ist für weite Teile der Weltbevölkerung auch in der Gegenwart keine Selbstverständlichkeit. Laut Welternährungsprogramm der UN sind weltweit 795 Millionen Menschen unterversorgt und leiden Hunger (ca. 11 % der Weltbevölkerung).(19) Auf eine tendenziell kritische menschliche Ernährungslage hat die Biologie evolutionär strategische Antworten entwickelt. Biologische Mechanismen belohnen energiereiche Nahrung (insbesondere Zucker und Fett) mit Wohlgeschmack sowie Sättigungsgefühl mit Zufriedenheit. Außerdem sorgt die organische Nahrungsverarbeitung in Zeiten der Überversorgung zur Bildung von Energiereserven in Form von Fettdepots.

Erst bei Nahrungsüberfluss entstehen selektiver Nahrungsgenuss und Verfeinerung von Esskultur. Aus 'Nahrungsglück' wird 'Ernährungsglück'. In westlichen Kulturen ist 'Ernährungsglück' erst in der Gegenwart zur Selbstverständlichkeit einer Mehrheit von Menschen geworden. Von der Natur nicht vorgesehene Bewegungsarmut reduziert gleichzeitig den Energiebedarf. Evolutionär entwickelte biologische Mechanismen arbeiten jedoch weiter nach dem Prinzip der Vorsorge für Notlagen. Glücklicherweise kennt die Natur nicht nur Automatismen, sondern auch Intelligenz (Fähigkeiten der effizienten Informationsverarbeitung und der flexiblen Aufgaben- und Problembewältigung), über die Menschen allerdings in unterschiedlich großen Portionen verfügen.(20)  

Dass Ernährung die Gefühlslage beeinflusst, gilt als sicher. Wie Ernährung die Gefühlslage beeinflusst, ist wissenschaftlich bisher wenig erforscht.(21) Trotz Intelligenz fällt es vielen Menschen offenkundig schwer, ein gesundheitsverträgliches Gleichgewicht zwischen einem Überangebot an Nahrung, biologischen Mechanismen der Nahrungsverarbeitung, individueller Ernährungssituationen, Gefühlsleben und Ratio herzustellen. Wie sonst wäre die weltweite Zunahme an Fehlentwicklungen zu erklären, wie Adipositas, metablisches Syndrom und andere Zivilisationskrankheiten, die Gesundheit, Lebenserwartung und Lebensqualität von Menschen reduzieren?(22) Der Sachverhalt macht einmal mehr den Einfluss von Emotionen auf Verhalten deutlich (siehe Kapitel 1.1).


2.1.2 Fastenglück(23)
Fasten (zeitweilig gewollte vollständige oder teilweise Nahrungsenthaltung) zählt zu Jahrtausende alten kulturellen Traditionen. In der Neuzeit nimmt mit Veränderungen des Lebensstils zusätzlich eine umstrittene, nicht-religiös motivierte therapeutische Form des Fastens als sog. Heilfasten in unterschiedlichen Varianten an Bedeutung zu.(24)

Fasten ist zu unterscheiden von dem auf Nahrungsmangel beruhendem, durch äußere Umstände erzwungenem Hungern. Unabhängig vom Auslöser schaltet der Stoffwechsel nach mehr als einem Tag Nahrungsenthaltung oder Nahrungsentzug auf Hungerstoffwechsel um. Der Körper senkt den Energieverbrauch, der Blutkreislauf arbeitet langsamer, die Körpertemperatur sinkt leicht. Energie gewinnt der Organismus zunächst aus Glykogenreserven, dann aus Fettzellen und nach einigen Tagen zunehmend aus körpereigenem Eiweiß. Weil keine köpereigenen Eiweißdepots existieren, nimmt die Muskelmasse ab. Bei längerfristigem Nahrungsentzug kann der Herzmuskel geschädigt und auch anderes Körpergewebe allmählich abgebaut werden.(25)

Nahrungsentzug hat unterschiedliche Auswirkungen auf die psychische Konstitution und Stimmungslage von Fastenden und von Hungernden. Bei anhaltendem Hunger werden vom Gehirn Stresshormone ausgeschüttet, was zu psychischem Stress und innerer Unruhe führt. Gleichzeitig werden jedoch auch stimmungsaufhellende Hormone gebildet, vor allem Serotonin.
  • Bei unfreiwilligem Nahrungsentzug werden auf psychischer Ebene starke Stimmungsschwankungen, Aggressionen, Depressionen, Rückgang des Sexualtriebes und Schlafstörungen beobachtet.(26) 
  • Bei Fastenden entfällt der psychische Stress, da der Nahrungsverzicht freiwillig und geplant erfolgt. Dadurch werden wesentlich mehr Endorphine als Stresshormone gebildet, die aufgrund des verlangsamten Stoffwechsels lange im Blut bleiben. Endorphine wirken als körpereigene Opioide und können einen leichten Rauschzustand erzeugen, der bis zu euphorischen Zuständen reichen kann. Längeres Fasten enthält daher ein Suchtpotenzial.
Bei speziellen medizinischen Indikationen können Diäten und Fastenkuren therapeutisch angemessene Maßnahmen sein. Zweifelhaft ist dagegen, ob sie intelligente Maßnahmen der Selbstoptimierung darstellen. Temporäre Fastenkuren und Diäten sind vermutlich motiviert von Vermeidungshaltung gegenüber generellen Veränderungen des Lebensstils

2.1.3 Erfolgsglück
Das Selektionsprinzip ist ein bedeutender Faktor biologischer Evolution. Egoismus, Wettbewerb und Konkurrenzkampf vermitteln 'Erfolgsglück', das der Stoffwechsel mit Glückshormonen belohnt. Sportlicher Wettkampf ist eine von vielen Optionen der Belohung mit Erfolgsglück.

Auf der Klaviatur von Glückserlebnissen dieser Art klimpert Werbung, indem sie Zusammenhänge zwischen Glücksemotionen und Konsum von Produkten und Dienstleistungen konstruiert, die Erfolg symbolisieren (besonders offensichtlich bei Mode und Autos). Auf diese Art und Weise wird Glück zur Ware bzw. Ware mit Glücksanmutungen aufgeladen. Selbst Ver- und Gebrauchsgegenstände versprechen Glückserlebnisse, um auf sich aufmerksam zu machen und Umsatz zu generieren. Den höchsten Profit erzielen vermutlich Industrien, die mit Mode, Schmuck, Kosmetik, Traumreisen etc. reine Glücksprodukte vermarkten und mit diesen Produkten Einkünfte und Vermögen von Glückskonsumenten abschöpfen. 


2.1.4 Soziales Glück
Soziales Glück kann als ein antagonistisches Komplementärglück des Erfolgsglücks aufgefasst werden. Individueller Egoismus macht einsam und verhindert Kooperationen. Menschen sind jedoch auf Kooperationen angewiesen, um komplexe Aufgaben bewältigen zu können und Erfolgschancen des Überlebens zu erhöhen. Aus diesem Grund belohnt unser internes Belohnungssystem nicht nur den Erfolg egoistischen Verhaltens, es belohnt ebenso gelungene Kooperationen mit 'sozialem Glück', wie wir es u. U. in der Familie, durch Kinder, zwischen Freunden, in sportlichen Teams bzw. in jeder erfolgreichen Zusammenarbeit erfahren.

Virtuelle soziale Netzwerke benutzen elementare menschliche Kooperationsbedürfnisse für hinterhältige Geschäftsmodelle, denen sich Nutzer ausliefern, ohne zu bemerken, dass sie in ausweglose Abhängigkeiten geraten. Das Verständnis neurophysiologischer Mechanismen der Affektsteuerung macht die Manipulation von Vernetzungen zwischen Produkten, individuellem Glück von Konsumenten und Interessen von Produzenten möglich. Das sind keine Erfindungen der Neuzeit. Wenn jedoch große Mengen quantitativer Beliebtheitszahlen von Followern und Likes einer anonymen vermeintlichen 'Community'(27) Einfluss auf menschliches Glück nehmen, entsteht eine technische Glücksmaschine, die mittels Algorithmen und Smartphones Menschen zu fremdbestimmten 'Glücks-Sklaven' transformiert.(28)

Kollektive Glückserlebnisse sind eine spezielle Art des sozialen Glücks. Der Zusammenhalt einer größeren Anzahl von Menschen, die konzentriert auf relativ engem Raum physisch miteinander kommunizieren und als kollektiver Akteur oder als Masse gemeinsam handeln, beruht auf gemeinsamen Intentionen und Interessen. Diese sind oft von positiven Affekten (z.B. Feierlaune) oder negativen Affekten (z.B. Feindseligkeit und Hass) motiviert.

Kollektive Aktionen beruhen auf positiven oder negativen Affekten von Menschen, die aufgrund gemeinsamer Merkmale und Motivationen temporär ihre Anonymität verlassen und sich verbünden. Kollektive Aktionen können bestehende positive oder negative Affekte verstärken oder zusätzliche positive oder negative Affekte auslösen.


2.1.5 Entspannungsglück
'Entspannungsglück' lässt sich ebenfalls als antagonistisches Komplementärglück deuten. Wer hart für sein Leben arbeitet, sich erfolgreich reproduziert, Erfolge im privaten und beruflichen Wettbewerb erzielt und erfolgreich kooperiert, erfährt das Wohlbefinden zeitweiliger Entspannung als ein besonderes Glück. Wer dagegen ständig entspannt, verspürt dieses Wohlbefinden nicht, sondern empfindet Langeweile, Leere, Sinnlosigkeit.

In marktwirtschaftlichen Kontexten begegnen uns Versprechen von 'Entspannungsglück' u.a. als Wellness-Dienstleistungen und als Urlaubsangebote. Auffällig an solchen Angeboten ist das Bemühen der Verschleierung des Konsum- und Warencharakters von Leistungen bei gleichzeitiger Überhöhung von Erlebniswerten.


2.1.6 Sex
Abgesehen von einigen Techniken der Reproduktionsmedizin erfordert die arterhaltende menschliche Fortpflanzung Geschlechtsverkehr. Diesen belohnen biologische Mechanismen mit besonders intensiv wirkenden Glückshormonen. Menschen haben gelernt, dass die Ausschüttung von Glückshormonen durch möglicherweise leichter erreichbare oder noch intensiver wirkende alternative sexuelle Praktiken provoziert werden kann. Starkes sexuelles Verlangen hat in Verbindung mit frei verfügbaren Ressourcen einen auf sexuelle Praktiken fokussierenden Wirtschaftszweig entstehen lassen, durch den Sex zur Konsumware wird.


2.1.7 Liebesglück(29)
Schneller Sex, wie ihn viele biologische Arten und auch Menschen praktizieren, reicht für die Reproduktion der menschlichen Art prinzipiell aus. Bei komplexen höheren Lebewesen, die ihren Nachwuchs lange betreuen müssen, um dessen Überleben zu sichern, verfolgt die Natur Strategien häufig in Form stabiler Paarbeziehungen und Familienverbänden. Warum die Natur diese Strategie neben alternativen und offensichtlich ebenfalls erfolgreichen Modellen entwickelt hat, lässt sich nur spekulativ vermuten.(30)

Liebesbeziehungen beruhen über Sex hinaus und auch jenseits von Sex auf komplexen, vielschichtigen Empfindung, die sich aus emotionalen, motivationalen und kognitiven Elementen zusammensetzen. Die Art des Zusammenhangs mit dem Sexualtrieb ist wissenschaftlich ungeklärt. Laborbedingungen vermögen bisher diese komplexen Zusammenhänge nicht zu entwirren und abzubilden. Wissenschaftlich erklärbar sind bis heute nur Teilaspekte. Erklärungslücken füllen häufig spekulative, umstrittene Annahmen. Als gesichert gilt zumindest, dass sich die Zusammensetzung des Glücksgefühle erzeugenden Hormoncocktails mit der Zeit verändert.

Bei verliebten Menschen sorgen Botenstoffe für Euphorie (Dopamin), Aufregung (Adrenalin), rauschartige Glücksgefühle, tiefes Wohlbefinden (Endorphin und Cortisol) und erhöhte sexuelle Lust (Testosteron sinkt bei Männern, steigt bei Frauen). Liebe erzeugt einen angenehmen Rauschzustand. Verliebten zeigen die gleichen Erregungsmuster in Gehirnregionen wie Suchtkranke. Im 24-36 Monate anhaltendem Stadium einer stürmisch bis obsessiven Gefühlsage befinden sich Verliebte in einem Zustand verzerrter Wahrnehmung. Liebesglück der stürmischen Phase vermischt hedonistisches Glück mit Elementen des Flow-Modells (siehe Kapitel 1.2.3 und 2.3). Wenn eine Liebesbeziehung nach der stürmischen Phase ruhigeres Fahrwasser erreicht, wird vermehrt das im Hypothalamus produzierte Hormon Oxytocin ausgeschüttet, das u.a. mit psychischen Zuständen wie Liebe, Vertrauen und Ruhe in Zusammenhang gebracht wird und vermeintlich langfristige Paarbindungen und die Treue von Paaren fördert. Bzgl. der Rolle von Oxytocin drängt sich die Frage nach Ursache und Wirkung auf.

Um das Thema Liebesglück kulminieren ebenfalls zahlreiche Geschäftsmodelle, die Liebesglück gegen Bezahlung mit Hilfe von Dating-Apps, Events, Reisen, Mode, Kosmetik, Filme, Literatur, Kunst etc. herzustellen oder zu perfektionieren versprechen.


2.1.8 Erkenntnisglück
Jeder Wahrnehmungsvorgang hat einen kognitiven und einen emotionalen Anteil. Als Kognition wird der Prozess der Informationsverarbeitung bezeichnet. Kognitionen umfassen, was Individuen über sich selbst, andere Menschen und ihre Umwelt wissen und denken. Kognitionen sind das individuelle Konstrukt, mit dem Menschen die Welt erkennen und erklären. Kognitionen und Stimmungslagen bzw. Emotionen beeinflussen sich gegenseitig und enthalten Anteile nicht bewusster Wahrnehmung.

Evolutionär haben Menschen Fähigkeiten und Methoden entwickelt, die das Überleben in einer Welt ermöglichen, deren Komplexität die Leistungsfähigkeit menschlicher Wahrnehmungs- und Denkprozesse weit übersteigt. Solange Annahmen über vermutete kausale Zusammenhänge zwischen Auslösern und beobachtetem Verhalten von Pflanzen, Tieren, Menschen oder komplexen Phänomenen (wie z. B. Wetter) für das eigene Überleben nützlich sind, besteht kein grundsätzlicher Bedarf für wissenschaftliche, von individuellen Beobachtern unabhängige gesetzmäßige systematische Erklärungen. Das für das Überleben notwendige Bedürfnis des Findens von Kausalerklärungen einerseits und die Unvereinbarkeit oder Widersprüchlichkeit individueller Kausalerklärungen andererseits sind vermutlich der Grund dafür, dass Auflösungen von Widersprüchen und Rätseln Glücksgefühle auslösen, sich Wissenschaften etablieren konnten, Menschen mit Leidenschaft Forschung betreiben und herausragende Forschungsergebnisse große öffentliche Anerkennung erfahren.

2.2 Lebensglück
Lebensglück ist im Unterschied zum hedonistischen Glück nicht in käufliche Ware transformierbar, sondern das Ergebnis einer an anspruchsvollen Zielen ausgerichteten Lebensgestaltung, die psychologische Grundbedürfnisse der Autonomie, der Kompetenz und des sozialen Eingebundenseins zu realisieren vermag (siehe Kapitel 1.2.2). Belohnend sind nur solche Ziele, die realistisch erreichbar sind, aber über alltägliche Anforderungen hinausgehende Anstrengungen erfordern. Inhalte von Zielen sind innerhalb der Grenzen sozial akzeptierter Normen und Werte eines kulturellen Kontextes variabel. Grenzüberschreitungen können kollektive Glückserlebnisse bewirken. Aber gemäß der hier verwendeten Systematik sind sie als Variante hedonistischen sozialen Glücks einzuordnen (siehe Kapitel 2.1.4).

Ziele sind keine in Stein gemeißelten Gesetze, sondern richtungsweisende Orientierungsmarken. Wenn sich Zielvorgaben als unrealistisch erweisen oder sich Rahmenbedingungen ändern, müssen Ziele verändert bzw. angepasst werden.

Kein Leben ist frei von Irrtümern, Versagen, Niederlagen, Rückschlägen, Scheitern. Lebensglück bedeutet, dass ein Leben nicht von einer Kette derartiger Misserfolge dominiert ist, sondern im Gegenteil Misserfolge überwunden werden, Menschen an Misserfolgen wachsen und dank eigener Anstrengungen und besonderen Fähigkeiten auf Leistungen zurückblicken, auf die sie selbst stolz sind und die im persönlichen Umfeld Respekt und Würdigung erfahren. Resiliente Menschen haben vermutlich bessere Chancen auf Lebensglück als andere Menschen (siehe Kapitel 1.2.5).


2.2.1 Hürden und Herausforderungen von Lebensglück
Komplexe Sozialstrukturen verursachen eine Fragmentierung des Lebens. Die typische Fragmentierung des Lebens in berufliche und private Sphären macht es schwierig oder unmöglich, Lebensglück über die private Sphäre hinaus zu realisieren. Aufgrund der Fragmentierung des Lebens wird die Realisierung von Lebensglück ähnlich wie Religion, Weltanschauungen, Abneigungen, Vorlieben und Leidenschaften zur Privatsache gemäß dem Prinzip "jeder ist seines Glückes Schmied" (jeder ist selbst verantwortlich für sein Lebensglück). Aussagen dieser Art vernachlässigen die Diversität von Start- und Lebensbedingungen, die viele Menschen sozial und/oder genetisch geerbt und sich nicht freiwillig ausgesucht haben.

Wer beruflich in abhängigen Beschäftigungsverhältnissen aktiv ist, schuldet seinem Arbeitgeber fachliche und soziale Skills sowie Loyalität. Autonomie ist jedoch eher unerwünscht. Mit zunehmender Größe einer Organisation oder Institution nimmt Autonomie ab, weil sich strategische und unternehmenspolitische Entscheidungen von Einflussmöglichkeiten individueller Mitarbeiter entfernen. Fremdbestimmung bzw. Abspaltung persönlicher Autonomie macht unglücklich. Nicht jeder verfügt über Fähigkeiten oder den Mut zur Selbstverwirklichung persönlicher Lebensziele und finden darum Schutz und Sicherheit als abhängig beschäftigte Mitarbeiter in Organisationen. Für Schutz und Sicherheit zahlen Mitarbeiter den Preis des Autonomieverlustes. Sie müssen fremdbestimmt funktionieren, sich arrangieren und ihr Autonomiebedürfnis unterdrücken. Wettbewerb zwischen potentiellen Alternativen verbessert aus Sicht abhängiger Mitarbeiter die Situation, löst aber die Problematik nicht auf. Arbeitgeber sind nicht naiv. Sie binden wichtige Mitarbeiter mit wettbewerbsfähiger Bezahlung, attraktiven Sozialleitungen, Privilegien sowie hin und wieder besänftigenden Streicheleinheiten.

Glücklich machen Bedingungen abhängiger Beschäftigungsverhältnisse nicht, aber wenn bessere Alternativen fehlen oder vermutlich besserer Alternativen wegen ihrer Risiken ausscheiden, arrangieren sich Mitarbeiter konstruktiv, solange die Position Ansehen verschafft ('Erfolgsglück') und das Honorar einen großzügigen Konsum vermeintlicher Glücksspender ermöglicht. Der Konsum von Glücksspendern bildet den Kitt zwischen fragmentierten Lebenssphären. Welcher Konsum das individuell größte Glück spendet, weiß die Glücks-Industrie längst und vereinfacht dank personalisierter Werbung individuelle Entscheidungen.


2.2.2 Langfristiges Liebesglück
Soziale Eingebundenheit zählt lt. Selbstbestimmungstheorie (siehe Kapitel 1.2.2) neben Autonomie und Kompetenz zu Lebensglück spendenden Grundbedürfnissen. Positive soziale Einbindung ist in einer großen Vielfalt realisierbar, aber erst langfristiges Liebesglück vervollständigt Lebensglück. Nicht erklärbar ist bisher, welche neurophysiologischen Mechanismen und Prozesse den Übergang vom eher hedonistischen Liebesglück zum langfristigen Liebesglück bewirken. Neurophysiologische Mechanismen und Oxytocin-Ausschüttungen lassen sich nicht abschalten, aber in langfristig glücklichen Paarbeziehungen übernehmen vermutlich eher Prozesse kognitiver Konvergenz Hauptrollen. Die Entwicklung oder Harmonisierung gemeinsamer Werte, Interessen, Ziele, Aktivitäten etc. sowie Art und Qualität von Interaktionen hinsichtlich Empathie, Kommunikation, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft, Fürsorge etc. bilden die Basis für Wertschätzung, Vertrauen, Geborgenheit und Beziehungssicherheit einer langfristigen Liebe, deren vielfältige Auslöser Oxytocin-Ausschüttungen bewirken dürften.

 
2.2.3 Freiheitsglück(31)
Das elementare Grundbedürfnis nach Autonomie resultiert aus Sicht der Selbstbestimmungstheorie (siehe Kapitel 1.2.2) auf einer tief im Organismus verwurzelten Veranlagung zur Selbstregulation der eigenen Handlungen und der Kohärenz kognitiver Strukturen. Selbstreguliertes Handeln vermittelt Erfahrung von Ganzheit, Freiwilligkeit und Vitalität, während fremdreguliertes Handeln mit negativen Emotionen von Einschränkung, Druck und Gezwungensein verbunden ist. Autonomie ist eine Voraussetzung für Prozesse der Selbst-Organisation, um Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit unter komplexen, dynamischen Rahmenbedingungen des Lebens zu ermöglichen.

Entscheidungs- und Handlungsfreiheit sind zwar prinzipiell mit positiven Emotionen besetzt, aber Verhalten resultiert zum überwiegenden Anteil nicht aus rationalen Überlegungen, sondern aus Gefühlen, die das limbische System aufgrund von Verbindungen genetischer Strukturen mit emotionalen Erfahrungen der Vergangenheit diktiert (siehe Kapitel 1.1). Was auf den ersten Blick irritieren mag, erweist sich auf den zweiten Blick aus mehreren Gründen als sinnvoll:
  • In der Regel ist verfügbares Wissen über alle relevanten Einflussgrößen von Verhalten höchst unvollständig.
  • Verfügbare Zeit für Entscheidungen und Handlungen ist endlich und häufig gering oder tendiert sogar gegen Null, so dass fehlendes Wissen nicht beschafft werden kann.
  • Erfahrungen sind Erlebnisse der Vergangenheit. Ob sich die Zukunft so oder ähnlich wie die Vergangenheit verhält ist je nach Gegenstand fraglich, unwahrscheinlich oder auch ausgeschlossen.
Eine selbstbestimmte, Lebensglück vermittelnde Gestaltung des eigenen Lebens ist nur mit individueller Freiheit im Sinne von Autonomie zu erzielen. Autonomie hat jedoch einen Preis. Um Chancen zu realisieren, müssen Risiken eingegangen werden. Freie Entscheidungen sind aus zuvor genannten Gründen des beschränkten Wissens und der knappen Zeit prinzipiell risikobehaftet (wegen unvollständiger Informationen über Einflussgrößen sowie unbekannter Auswirkungen von Entscheidungen in der Zukunft). Gemäß dem Motto "no risk no fun" verzichtet Autonomie zwangsläufig zumindest teilweise auf Sicherheit, einem Zustand ohne Risiken oder Gefahren.(32) Andererseits ist ein ausreichendes Maß an Sicherheit notwendig, um freie Entscheidungen treffen zu können, und umgekehrt lassen freie Entscheidungen mit dem Ziel einer Zufriedenheit stiftenden Lebensgestaltung Aspekte von Sicherheit der Lebensführung nicht unbeachtet. Offensichtlich besteht zwischen individueller Freiheit einerseits und Sicherheit andererseits ein klassisches Spannungsverhältnis.(33)

Zusätzlich können Freiheit und Sicherheit in Konflikt geraten, wenn die Freiheit des Einen die Sicherheit des Anderen gefährdet oder die Sicherheit des Einen die Freiheit des Anderen einschränkt. Noch stärker ist das Spannungsverhältnis, wenn individuelle Rechte gegen kollektive Ansprüche abzuwägen sind. Im Alltagsleben müssen sich Menschen einer großen Zahl von Vorschriften und Einschränkungen fügen, die von öffentlichen Institutionen aus Gründen der Sicherheit oder aus Gründen des Schutzes Rechte Dritter erlassen werden. Eine gerechte, ausgewogene, angemessene Gestaltung und Kontrolle von Konflikten individueller vs. kollektiver Rechte und Einschränkungen ist die anspruchsvolle Aufgabe von Politik und staatlichen Institutionen kraft ihres legitimen staatlichen Gewaltmonopols. Aufgrund zahlreicher Interessenkonflikte wird diese Aufgabe nie konfliktfrei zu lösen sein. 'Hohe politische Kunst' reduziert Konflikte auf das unvermeidbare Ausmaß.
"With Great Power Comes Great Responsibility."
(Onkel Ben im Comic Spider-Man)

2.2.4 Religiöses Glück
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass religiöse Erfahrungen für individuelles Lebensglück von hoher Bedeutung sein können und darüber hinaus mit temporären Glückserlebnissen in Verbindung gebracht werden. Dieser Aspekt wird im vorliegenden Artikel nicht im Detail betrachtet, weil solides Informationsmaterial fehlt.(34) 


2.3 Flow
Flow-Zustände (siehe Kapitel 1.2.3) beruhen auf Glückserlebnissen mittlerer Reichweite, die unmittelbare hedonistische Bedürfnisse mit zielorientierter Lebensgestaltung harmonisieren.

Das Erlebnis von Flow-Zuständen bedingt klare Zielsetzungen, volle Konzentration auf das Tun, Harmonie und Kontrolle von Anforderung und Fähigkeit jenseits von Angst oder Langeweile. Scheinbare Mühelosigkeit bewirkt ‚Weltvergessenheit’, in der Gefühle für Zeit und Raum oder für Bedürfnisse wie Essen und Trinken vorübergehend suspendiert sind und Erschöpfung oder Schmerzen nicht wahrgenommen werden. Aus Sicht der Selbstbestimmungstheorie setzt Flow Gleichgewicht von Autonomie und Kompetenz voraus. Flow tritt auf, wenn Menschen Freude an anspruchsvollen Aufgaben empfinden und Aufgaben lustvoll-spielerisch ohne Gefühle von Überforderung bearbeiten. Flow-Erlebnisse motivieren Wiederholungen erfahrener Glückserlebnisse und werden darum auch als positive Sucht, Leidenschaft oder Sehnsucht bezeichnet.

Flow-Erlebnisse können bei vielen Tätigkeiten auftreten, wenn sie dank Kompetenz beherrscht werden sowie freiwillig und gerne (mit Autonomie) ausgeübt werden:
  • Kreative Tätigkeiten (Musizieren, Malen, Schauspielen, Tanzen, Basteln, Handarbeit, Editieren von Texten, Fotos, Filmen etc.)
  • Spielerische Tätigkeiten (Brettspiele, Kartenspiele, Computer-Spiele, Ballspiele etc.)
  • Ausdauer-Sport (Laufen, Wandern, Klettern, Segeln, Surfen, Skifahren, Radfahren, Tanz, Kanu/Kajak etc.)
  • Meditation, Yoga, autogene Übungen etc.
  • Berufliche Aufgaben können bei geeigneten Bedingungen Flow-Erlebnisse vermitteln (z.B. im Rahmen motivierender Projekte).

3 „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ - 'Glück’ als Produkt

Der berühmte Werbespot, in dem zwei Männer ihre Trümpfe auf den Tisch knallen, gibt sich augenzwinkernd als Komik. Beworben werden Anlageberater von Sparkassen, Geld von Klienten zu vermehren versprechen, damit diese ihre Träume realisieren können. Die Botschaft besagt: Glück ist käuflich, erfordert aber Geld. Kluge Anlage der Sparkasse verhilft zur Geldvermehrung. Gesetzliche Prospektpflicht verpflichtet zwar Anbieter (bis auf Ausnahmen) zur Deklarierung von Risiken. Aber schöne Bilder und verbaler Nebel verbergen, dass vor allem und generell Finanzinvestoren von Finanzdienstleistungen profitieren, während Anleger persönliche Risiken tragen, die mit Verlusten einhergehen können.

Wir verstehen uns als aufgeklärte, gebildete, kritische Menschen, teilweise auch als Anleger und halten uns für immun gegen plakative Werbeaussagen. Menschen, deren finanzielle Mittel über Basis-Anforderungen des Lebensunterhalts hinausgehen, fallen zu Tausenden auf derartige Werbeaussagen herein und erleiden oftmals große Verluste. Anbietern die Schuld anzulasten, liegt nahe. Anleger fühlen sich getäuscht. Sie haben das Nachsehen, wenn Prospekte rechtlich wasserdicht sind. Tatsächlich verteilt sich die Schuld auf beide Seiten. Anbieter haben nur darum Erfolg, weil Gier auf Seiten der Anleger den Verstand blockiert. Emotionen triumphieren über Vernunft. Anbieter wissen um derartige Mechanismen und nutzen sie taktisch.

Das genannte Beispiel mag überspitzt sein, verbraucht ist es sowie. Das Beispiel steht lediglich exemplarisch für wirtschaftlich motivierte Produkte der Glücksindustrie, deren heterogene Palette sämtliche Lebensbereiche umfasst wie Mode, Kosmetik, Reisen, Wellness, Musik, Filme, Food, Events bzw. Lifestyle-Produkte aller Art. Zeitgemäße Technik, und intelligente Algorithmen präsentieren diese Produkte mittels Big Data nicht nur als zielgruppenspezifische und personalisierte Werbung, sondern auch verborgen in vermeintlich ‚relevanten’ Trefferlisten. Nutzer sind nicht ahnungslos. Trotzdem verschenken sie ihre Daten an Facebook, WhatsApp, Instagram, Google, Amazon, Twitter, eBay, Microsoft, Apple, Samsung, Huawei oder an welche Tech-Konzerne auch immer. 


Nicht bewusst dürfte vielen Nutzern sein, dass sie ihre Seele verkaufen, weil soziale Tatbestände dieser Art unsichtbar Einfluss auf Kognitionen und Emotionen von Menschen nehmen, diese dauerhaft verändern und Menschen formen (siehe Kapitel 1.3). Strategen der Werbeindustrie sind informiert. Sie nutzen Wissen, Technik und unserer Daten zum eigenen Vorteil. Einwände ethischer Art suspendiert das neoliberale Paradigma. Die Nutzung dieser Mechanismen geht über den Verkauf von Produkten hinaus. Wissen und Technik verhelfen erst mit Daten zu potentieller Macht über Menschen, weil deren Verhalten vorhersagbar, kontrollierbar, beeinflussbar, manipulierbar wird. Das ist die dunkle Seite einer Entwicklung, die in Richtung Unfreiheit führt. Wenn Menschen dieser Entwicklung nicht mit Wachsamkeit entgegentreten, erklären sie sich kraft ihres Verhaltens mit dem Verlust ihrer erst kürzlich gewonnenen Rechte bürgerlicher Freiheiten implizit einverstanden.
 
Sind diese Zusammenhänge und Abhängigkeiten kritisch zu beklagen? Persönlich mag man sie kritisch sehen oder verurteilen. Eine Majorität begrüßt diese Entwicklung als Fortschritt und als Beitrag zur persönlichen Lebensqualität. Wenn Smartphones persönliche Beziehungen zwischen Menschen in virtuelle Räume transferieren, Menschen ihre Kommunikation mit Emojis verdichten oder kommentieren und erklären, ohne ihr Smartphone nicht mehr leben zu können, wird spätestens offenkundig, dass technologischer Wandel unser Denken, unsere Emotionen, unsere sozialen Interaktionen verändert und wirtschaftliche Interessen (Ökonomie) die Dynamik des Wandels antreiben. Karl Marx durchschaute diese Zusammenhänge vor mehr als 150 Jahren (siehe Kapitel 1.3). Aufgrund seiner Zeit konnte er jedoch nicht absehen, dass Menschen bereit sein werden, persönliches Glück als Ware einer von Technologie und Lifestyle-Produkten getriebenen Glücks-Industrie einzukaufen.  



Änderungshistorie
V1.4, 05.05.2018: Änderungen Kapitel 1,1, 2.1.1, 2.1.2, 2.1.3, 3, diverse Korrekturen
V1.3, 03.05.2018: Kapitel 3 eingefügt, Änderung Abstracts
V1.2, 30.04./01.05.2018: Kapitel 1.3 neu eingefügt, Anpassung Anmerkungen
V1.1, 28.04.2018: Änderungen Anmerkung 1, 22,  neue Anmerkungen 15, 31, Korrekturen
V1.0, 26.04.2018: Urversion

Anmerkungen
  1. Vor 30 Jahren haben wir aktiven Laufsport entdeckt und die Bedeutung des Laufsports für unsere individuelle Lebensqualität verstanden. 30 Jahre sind eine Marke, die dazu motiviert, unsere Laufbiographie zu dokumentieren und im Kontext der  Aufgabenstellung Gedanken grundsätzlicher Art über „Laufglück“ zu ergänzen. "Laufglück" wirft Fragen auf: Was ist Glück? Was macht Menschen glücklich? Recherchen zum Thema Glück lassen bald Umfang, Unübersichtlichkeit und Komplexität der Thematik erkennen und machen bewusst, dass getrennte Artikel über „Glück“ und „Laufglück“ die Bearbeitung des Themenfeldes erleichtern. Der vorliegende Artikel über „Glück“ betrachtet Grundlagen genereller Glücks-Emotionen. Spezielle Glücks-Emotionen des "Laufglück" sind Gegenstand des Artikels "Warum macht (Lauf-) Sport glücklich"  im Blog laufglueck. (coming soon)

    Menschen sind bezüglich dem, was sie lieben, gewöhnlich höchst unterschiedlich disponiert. Darum fokussiert der aktuelle Artikel nicht auf Beschreibungen privater Glücksemotionen konkreter Personen (ich, du oder jemand anderes), sondern auf die Suche nach Antworten auf die Frage, welche Bedingungen und Einflüsse unabhängig von individuellen Befindlichkeiten Glücksgefühle bewirken.

    Antworten sind bei Biologen, Neuro-Wissenschaftlern, Psychologen zu finden. Wissenschaftliche Disziplinen haben die Eigenart, ihre Fragestellungen und Antworten üblicherweise in willkürlich gesetzten Grenzen ihrer eigenen Disziplinen zu formulieren. Interessanter für die Lebenspraxis ist jedoch eine ganzheitliche Sicht, die dieser Artikel herzustellen versucht. Der erste Teil (Theorie) des Artikels fasst Aussagen aus wissenschaftlicher Sicht zusammen, soweit sie zu identifiziert werden konnten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) und hoffentlich verstanden wurden (ohne Anspruch auf Korrektheit). Der zweite Teil (Praxis) verknüpft aus
    ganzheitlicher Sichtweise Perspektiven des Verhaltens von Menschen mit wissenschaftlichen Erklärungen. Kapitel drei ergänzt Aspekte aus soziologischer Sicht.
  2. Beispielsweise empfindet die beste aller Ehefrauen starke Glücksgefühle, wenn sie unsere Wohnung entrümpelt und das Material im ‚Wertstoff-Center’ entsorgt. Ich betrachte solche Aktionen als lästige Notwendigkeit und würde viel lieber mit Hingabe die Bearbeitung von Fotos fortsetzen, wofür sich die beste aller Ehefrauen nicht begeistern kann.  
  3. Einfluss hat jedoch die persönliche Haltung gegenüber Neuem, Fremdem, Unbekanntem. Eine optimistische, offene Haltung schafft Raum für Zufallsglück, während eine pessimistische, ängstliche Haltung Zufallsglück aussperrt, weil sie jedes Risiko zu vermeiden versucht. Wer offen für neue Erfahrungen ist, weiß, dass Chancen mit Risiken einhergehen und Risiken Teil des Lebens sind. Optimistische Menschen überwinden Schicksalsschläge und Niederlagen leichter als pessimistische Menschen.
  4. Utilitarismus macht Hedonismus als ethische Rechtfertigung von Egoismus populär. Welche inhaltlichen Werte jeweils als individuell wertvoll gelten und auf individuelle Entscheidungen und Handlungsweisen einwirken, bleibt offen. Gleichartige Ausrichtungen und Konsum als Glücksquelle kommen erst durch allgegenwärtige Einflüsse von Werbung und Meinungs-Medien zustande, die sich Annahmen des utilitaristischen Konzeptes bedienen und damit offensichtlich erfolgreich sind.
  5. Erst mit den Neurowissenschaften gelangen Zustände von Glücksgefühlen und deren biologische Grundlagen erneut in den Fokus wissenschaftlicher Forschung. Mittlerweile sind eine Reihe von Botenstoffen, Hormone und körpereigene Opiate bekannt und bestehen Vermutungen darüber, welche Reize welche chemischen Prozesse aktivieren und mit welchen Mustern von Hirnaktivitäten sie korrelieren. Molekulare Prozesse dieser Art sind bei allen Lebensformen zu finden. Das Leben von Menschen und höheren Lebewesen wird jedoch nicht allein durch molekulare Prozesse gesteuert. Kognitive Strukturen der Wahrnehmung, der Bewertung und der Selbstreflexion, die wir als Bewusstsein über mentale Zustände und Prozesse bezeichnen, sind an Entscheidungen und Verhalten beteiligt. Zusätzlich wirken Umwelt- bzw. Lebensbedingungen auf kognitive Strukturen und auf organische Prozesse ein. Zusammenhänge zwischen mess- und darstellbaren Stoffwechselprozessen auf der Molekularebene einerseits sowie mentalen Zuständen des individuellen Bewusstseins andererseits bilden unter dem Einfluss von Umgebungsvaribaen ein komplexes, schwer zu durschauendes Bedingungsgeflecht.
  6. Übersichtsartikel:
    - Wikipedia: Glück
    - Neurobiologe Gerhard Roth im Portal dasgehirn: Was passiert im Gerhirn, wenn wir glücklich sind?
  7. Im Alltagsdenken übliche und in der Biologie verbreitete funktionale Erklärungen (Erklärung des Auftretens oder Vorhandenseins eines Phänomens aufgrund seiner Funktion, z. B. „Mimikry dient der Täuschung von Fressfeinden.“), gelten wissenschaftlich als Scheinerklärung ohne prädiktiven Wert, weil Bedingungen der Kausalität und Voraussagbarkeit nicht erfüllt sind, die das deduktiv-nomologische Modell fordert Funktionale Erklärungen sind nicht zwingend wertlos. Bei begrenztem Wissen verhelfen sie zur Bildung von Hypothesen.  
  8. Spiegel Online: Verteufeltes Glück der Freiheit  
  9. Portal dasgehirn: Der Cortex  
  10. Während traditionelle Psychologie defizitorientiert ausgerichtet ist, befasst sich Glückspsychologie (auch 'Positive Psychologie') mit positiven Aspekten menschlicher Emotionen und Verhaltensweisen, wie etwa Glück, Optimismus, Geborgenheit, Vertrauen, individuelle Stärken, Vergebung, Solidarität etc.. (Wikipedia: Positive Psychologie
  11. Wikipedia: Selbstbestimmungstheorie
  12. Wikipedia: Selbstbestimmungstheorie: Flow-Theorie
  13. Warum habe ich positive Emotionen und welchen Nutzen stiften sie?
  14. Übersichtsartikel Wikipedia: Persönlichkeitspychologie, Resilienz, Big-Five-Modell 
  15. Wikipedia:
    -
    Soziale Indikatoren: Indikatorensysteme und deren Probleme
    -
    Glück - Demoskopische Erhebungen
  16. Wikipedia: Zur Kritik der politischen Ökonomie
  17. Wikipedia: Buddhismus
  18. Nicht diskutierbar ist, dass die Dynamik von Anpassungsprozessen biologischer Systeme deutlich träger verläuft als die beschleunigende Dynamik kultureller Veränderungen. Dieser Sachverhalt begünstigt einen der menschlichen Physiologie nicht angemessenen Lebensstil, durch den der Anteil der von Folgen der Bewegungsarmut und/oder Überernährung betroffenen Menschen weltweit ansteigt. Adipositas und Zivilisationskrankheiten sind typische Ausprägungen dieser Entwicklung
  19. Wikipedia: Welthunger
  20. Portal dasgehirn: Intelligenz
  21. Den Einfluss von Ernährung auf die Gefühlslage betrachtet ein Artikel der ZEIT: Iss dich glücklich! 
  22. Ein Artikel der FAZ berichtet über neuere Erkenntnisse zur 'evolutionären Fressfalle': Was Kartoffelchips im Gerhirn anrichten
  23. Wikipedia: Fasten, Heilfasten, Hunger, Hungerstoffwechsel Ob 'Fastenglück' unter hedonistischen Glücksemotionen einzuordnen ist oder eine Sonderform des 'Flows' darstellt (siehe Kapitel 1.2.3), ist diskutierbar.
  24. Übersichtsartikel:
    - Wikipedia: Heilfasten
    - Ärztegesellschaft für Heilfasten & Ernährung e.V.: Leitlinien zur Fastentherapie
    - Presseinformation Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.: Blitzdiäten bleiben ohne dauerhaften Erfolg
  25. Proteinverlust wirkt sich negativ auf das Immunsystem aus. Während des Fastens kommt es häufiger zu Infektionen, bestehende Infekte können sich verschlimmern oder manifest werden. Der Verlust an Muskelmasse beträgt ca. 25 % des gesamten Gewichtsverlustes. Wenn nach sehr langem Hungern 1/3 - 1/2 der gesamten Körperproteine abgebaut sind, kommt es zum Tode durch Verhungern. (Wikipedia: Hungerstoffwechsel)
    Eine 2011 vorgestellte Studie zeigte, dass unabhängig vom Grund des Nahrungsentzugs noch ein Jahr nach einer niedrig-energetischen Diät mit 2.300 kJ/Tag (550 kcal/Tag) über 10 Wochen und einem mittleren Gewichtsverlust von 13,5 kg Appetit- und Gewichtszunahme steigernde Hormone pathologisch verändert bleiben und das Hungergefühl sich verstärkte. (The NEW ENGLAND JOURNAL of MEDICINE: Long-Term Persistence of Hormonal Adaptations to Weight Loss
  26. Die bekannteste wissenschaftliche Untersuchung über die körperlichen und psychischen Auswirkungen unfreiwilligen Nahrungsentzugs ist die Minnesota-Studie aus dem Jahre 1944. Teilnehmer waren 36 gesunde Soldaten, die in einem Camp ein halbes Jahr lang mit der Hälfte der üblichen Kalorienzufuhr auskommen mussten. Danach wurden sie drei Monate lang weiterhin beobachtet. Die Männer verloren im Schnitt 25 Prozent ihres Körpergewichts, der Grundumsatz verringerte sich um 40 Prozent. In der Hungerphase wurde Essen zum zentralen Thema der Probanden, mit dem sie sich auch außerhalb der Mahlzeiten ständig beschäftigten. Nach dem Ende der Hungerphase traten bei vielen Teilnehmern Heißhungeranfälle auf, die Sättigungsregulation war gestört, so dass teilweise gar keine Sättigung mehr wahrgenommen wurde, und die Fixierung auf Essen blieb längere Zeit erhalten.
    (Beratungs- und Infromationsserver zu Essstörungen: Die Minnesota-Studie 1944)
  27. Tausende oder gar Millionen Menschen bilden keine Communities (soziale Gemeinschaften), sondern soziale Kollektive bzw. Kohorten mit gemeinsamen Merkmalsausprägungen.
  28. Über derartige Mechanismen in Rein-Kultur berichtet ein Artikel der FAZ zum kalifornische Coachella-Festival: Ist das noch ein Festival – oder kann das weg?
  29. Übersichtsartikel:
    - Wikipedia: Liebe
    - Wissenschaftsjournalist Christian Wolf im Portal
    dasgehirn: Liebe ist Biochemie - und was noch?
    - Wissenschaftlicher Artikel in WELT:
    Hirnforschung: Wenn die Liebe wie eine Droge wirkt 
  30. Eine Erklärung von Paarbindungen mit ihrer Funktion für das Überleben einer Art lässt die Möglichkeit funktionaler Äquivalente unberücksichtigt und tappt in die Falle funktionaler Erklärungen (s.o.). Z. B. ziehen Elefanten ihren Nachwuchs in matriarchalisch organisierten Verbänden auf und verstoßen männlichen Nachwuchs aus dem Verband beim Erreichen der Geschlechtsreife. Geschlechtsreife Bullen bleiben Einzelgänger und treffen sich nur zur Paarung mit Elefantenkühen. 
  31. Übersichtsartikel Wikipedia: Selbstbestimmungstheorie, Autonomie, Selbstregulation, Kohärenz, Freiheit, Sicherheit
  32. Risiken zu akzeptieren bedeutet nicht, sie zu ignorieren. Das wäre eine grob fahrlässige Unvernünftigkeit. Vernünftig ist ein verantwortlicher, kontrollierter Umgang mit Risiken mittels Analyse, Bewertung und ggf. Vergleich alternativer Szenarien. Bei großen Risiken und/der hoher Eintrittswahrscheinlichkeit gefährlicher Risiken müssen Vorhaben u.U. aufgegeben werden.
  33. Wie sich ein derartiges Spannungsfeld an Nahtstellen zwischen Schule, Studium und Beruf individuell darstellt, beschreibt exemplarisch ein Artikel der ZEIT: Freiheit oder Sicherheit?
  34. Übersichtsartikel im Portal Glücksarchiv: Theologie und Glück

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