Montag, 22. Juni 2026

Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Superreichtum vs. Armut

Eine Untersuchung der Boston Consulting Group (BSC) ordnet die Verteilung von Vermögen (Geldmittel, Anlagen, Investitionen) in Deutschland in vier Klassen. Zahlen für das Jahr 2025 dokumentiert das Portal Statista: Vermögensverteilung. Angaben in US $ sind beim aktuellen Kurs mit dem Faktor 0,87 in Euro umzurechnen.
  • Superreiche: > 100 Mio. $ 
    5.000 (0,007 %) aller Deutschen gelten als superreich und halten einen Anteil von 27,3 % am deutschen Vermögen.
    Wer annimmt, dass Superreiche einen besonders hohen Beitrag zum Steueraufkommen leistet, der irrt. Mittlere Einkommen werden mit 40 % bis 45 % besteuert. Superreiche zahlen durchschnittlich ca. 30 % Steuern (SZ, 29.06.2026: "Superreiche zahlen halb so viel Steuern wie früher").
  • Reiche: 1 - 100 Mio. $
    700.000 (1,0 %) aller Deutschen gelten als reich und halten einen Anteil von 25,5 % am deutschen Vermögen. Lt. Meldung der FAZ gab es 2025 in Deutschland 2,6 Mio. Dollar-Millionäre (Globales Vermögen wächst um 10 %), was aber z. T. auch auf eine Abwertung der US $ gegenüber dem Euro zurückzuführen ist. Wie solche Zahlen ermittelt werden, ist nicht immer transparent. Der World Wealth Report meldet 1,78 Millionäre in Deutschland sowie eine Steigerung der Anzahl um 11,1 % und eine Steigerung ihrer Vermögen um 12,7 % (FAZ: Fast 1,8 Mio. Millionäre leben in Deutschland). In Anbetracht weitgehender Stagnation der deutschen Wirtschaft sind diese Zahlen nicht nur beeindruckend. Sie werfen auch Fragen auf.
  • Vermögende: 250.000 $ - 999.999 $ 
    3,6 Mio. (4,6 %) aller Deutschen gelten als vermögend und halten einen Anteil von 11,3 % am deutschen Vermögen. 
  • Nicht-Vermögende: < 250.000 $ 
    66 Mio. (94,4 %) aller Deutschen gelten als nicht vermögend und halten einen Anteil von 35,9 % am deutschen Vermögen. Auf den Anteil von Armut gefährdeter Menschen gehen abschließende Kapitel des Posts ein.
 
Infografik: Deutsches Vermögen: Millionäre besitzen 1/2, Superreiche 1/4 | Statista
 
Die antike lateinische Redewendung Pecunia non olet (Geld stinkt nicht) rechtfertigt den Wert von Geld unabhängig von der Art und Weise, wie es verdient wurde. Moralisch ist dieses Prinzip fragwürdig, weil es ethisches Handeln ausblendet. Man könnte vermuten, dass die Elite der Superreichen von 5.000 Personen ihren Reichtum als Bestätigung überlegener eigener Großartigkeit versteht und sich als weitgehend bekannte Kohorte feiert, aber so ist das nicht. Mehr als 1/4 aller Superreichen sind unbekannt, weil sie in öffentlicher Wahrnehmung nicht vorkommen. Zusammenhänge und Erklärungen von Verhaltensmustern hat Soziologin Emma Ischinsky vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung untersucht und dokumentiert: The Invisible Super-Rich? A Quantitative Analysis of the Press Coverage of Germany’s Wealth Elite.
 
Die Untersuchung zeigt differenzierte Verhaltensmuster. Personen mit alten und neue Vermögen sind durch Präsenz und Berichte in Medien öffentlich sichtbarer als Personen, die ihr Vermögen im Zeitraum 1914 bis 1945 erworben haben. Personen mit historisch belasteten Vermögen haben offenbar ein Interesse daran, die Herkunft ihrer ethisch belasteten Vermögen zu verheimlichen und sind darum öffentlich weniger sichtbar als andere Superreiche. Demnach scheint Geld kein einebnendes Maß für Qualität der Herkunft von Reichtum zu sein, sondern in der Wahrnehmung von Menschen gute und schlechte Gerüche zu verbreiten und selbst Superreiche scheinen besorgt um ihren Ruf zu sein. 
 
Der wissenschaftliche Aufsatz von Emma Ischinsky ist für Nicht-Soziologen sperrig. Leichter verständlich sind zwei Zusammenfassungen:

Bemerkenswert sind im Kontext einer weitgehend stagnierenden deutschen Wirtschaft weitere Sachverhalte (FAZ, 04.06.2024, Fast 1,8 Millionen Millionäre leben in Deutschland):

  • Die Anzahl deutscher Superreiche ist von 3.900 m Jahr 2024 um 28,2 % auf 5.000 im Jahr 2025 gestiegen.
  • Die Anzahl Millionäre ist im gleichen Zeitraum um 11,1 % auf 1,78 Mio. Millionäre gestiegen.
  • Die reichsten 1 % der Deutschen besitzen ca. 50 % des Finanzvermögens und ca. 30 % des Gesamtvermögens. 
  • Während die Anzahl Millionäre in Deutschland steigt, nimmt gleichzeitig der Anteil armutsgefährdeter Menschen seit dem Jahr 2023 zu (siehe nachfolgendes Kapitel).
 
Anteil Armut in der Klasse der 66 Mio. Nicht-Vermögenden
Quelle genannter Zahlen und Texte: Pressemitteilung Statistisches Bundesamt 06.02.2026
 
Als armutsgefährdet gelten Menschen, deren Einkommen nicht ausreicht, um in angemessener Weise am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. 
"Nach Definition der Europäischen Union (EU) gilt eine Person als armutsgefährdet, wenn sie über weniger als 60 % des mittleren Äquivalenzeinkommens der Gesamtbevölkerung verfügt. 2025 lag dieser Schwellenwert für eine alleinlebende Person in Deutschland netto (nach Steuern und Sozialabgaben) bei 1 446 Euro im Monat (2024: 1 381 Euro) und für Haushalte mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren bei 3 036 Euro im Monat (2024: 2 900 Euro)." 
"[...] Grundlage für die Einkommensmessung in einem Erhebungsjahr [ist] das gesamte verfügbare Haushaltseinkommen (Einkommen nach Steuern und Sozialabgaben) des Vorjahres. Die Fragen zum Einkommen beziehen sich also auf das Vorjahr der Erhebung. Im Jahr 2025 wurden 47 444 Haushalte und 81 255 Personen ab 16 Jahren zu ihren Einkommen und Lebensbedingungen befragt."
 
Armut in Deutschland:
  • 13,3 Mio. (16,1 %) hatten 2025 ein Einkommen unter der Armutsgefährdungsgrenze. Bezogen auf die Klasse 66 Mio. Nicht-Vermögender betrug der Anteil armutsgefährdeter Menschen ca. 20 %. 2024 lag die Armutsgefährdungsquote bei 15,5 %.
  • 17,6 Mio. (21,2 %) waren über Armut hinaus von sozialer Ausgrenzung bedroht. Bezogen auf die Klasse 66 Mio. Nicht-Vermögender betrug der Anteil von sozialer Ausgrenzung gefährdeter Menschen ca. 27 %. 2024 betrug der Anteil 21,1 %.  
Ähnlich wie Superreiche sind Arme relativ unsichtbar, aber aus unterschiedlichen Gründen. Superreiche verstecken sich, um ihren Reichtum nicht rechtfertigen zu müssen und nicht anzuecken. Arme sind unsichtbar, weil sie am sozialen Leben nicht teilhaben können und sich daher unter dem Radar aufhalten. Sichtbar werden sie, wenn bei sozialer Auffälligkeit Sanktionsmechanismen greifen. Unberücksichtigt bleibt, dass kollektiv verbindlich kodifizierte Normen sozialen Verhaltens eine über Macht verfügende Minderheit vorgibt.
 
 
Regionale Verteilung von Armutsrisiken in Deutschland
 
Armutsrisiken verteilen sich in Deutschland nicht homogen, sondern regional unterschiedlich. 
 
 
Armutsgefährdungsquote in Deutschland nach Bundesländern im Jahr 2024
 
 

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