Donnerstag, 20. August 2026

Friedlosigkeit im öffentlichen sozialen Leben

Adolph von Menzel, Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen 1757

Adolph von Menzel, Ansprache Friedrichs des Großen
an seine Generale vor der Schlacht bei Leuthen 1757

Friedlos
Buchcover, Friedlos, Eckart Conze
Am 29.06.2026 stellte der Neuzeithistoriker Eckart Conze in der Fritz Thyssen Stiftung sein jüngstes Buch mit dem Titel „Friedlos. Die Deutschen zwischen Kriegsgewalt und Friedenssuche. Von 1648 bis heute“ vor. Der Besuch der Veranstaltung inspiriert zur Beschäftigung mit der Thematik. Das Cover des Buchs zeigt Adolph von Menzels (1815–1905) unvollendetes Historienbild „Ansprache Friedrichs des Großen an seine Generäle vor der Schlacht von Leuthen“. Die Szene des Bilds bezieht sich auf den von 1756 bis 1763 ausgetragenen Siebenjährigen Krieg, der mit dem Siebenjährigen Krieg in Nordamerika eng verwoben ist. Warum das Bild unvollendet blieb, hat Jürgen Kloosterhuis recherchiert. WELT: Was während der berühmten Rede vor Leuthen geschah.
Das Bild ist eine Metapher für Eckart Conzes Verständnis von Geschichte, die komplexe Mischungen von Bedingungen oft nur unvollständig entschlüsseln und erklären kann. Ähnlich wie Adolph Menzel in seinem Bild trifft historische Wissenschaft auf Leerstellen von Realität. Im Unterschied zu Adolph Menzel füllen wissenschaftliche Expertise und Fantasie Leerstellen mit spekulativen Erklärungen, die eventuell plausibel und in wissenschaftlicher Methodik als Heuristik zu verstehen sind, aber oftmals strittig diskutiert werden.
Dieser Post verknüpft von Eckart Conze vorgezeichnete Entwicklungslinien skizzenhaft mit sozialen Prozessen, die maßgebliche Einflüsse auf Gestaltungen weltanschaulicher Ideen, auf das Denken von Menschen und auf soziale Ordnungen politischer Makrostrukturen ausüben. 
 
 
Kapitelübersicht
 
1 Epochen und Epochenumbrüche
2 Epochenumbruch vom Mittelalter zur europäischen Neuzeit
3 Siebenjähriger Krieg von 1756 bis 1763
4 Demokratisierung der westlichen Welt
5 Sport als symbolischer Krieg
6 Fazit und Ausblick
 
 
1 Epochen und Epochenumbrüche
 
Definitionen von Epochen und Epochenumbrüchen sind keine Beschreibungen von Realität, sondern Konstrukte mit heuristischem Wert. Wie jede Gliederung erleichtern systematische Konstrukte der Periodisierung von Vergangenheit in Epochen oder Zeitabschnitte das Verständnis von historischen Prozessen und Strukturen. Zeitliche Periodisierungen von sozialen, politischen, technologischen, wissenschaftlichen Abschnitten der Menschheitsgeschichte erfolgen anhand mehr oder weniger willkürlich identifizierter trennender und verbindender Merkmale. (Wikipedia: Periodisierung)

Epochengliederungen können keine universale Gültigkeit beanspruchen, weil sie aus wertenden kulturellen Perspektiven von Interpreten abgeleitet sind. Die Gültigkeit von Epochengliederungen wird gewöhnlich für Kulturkreise willkürlich definiert, aber selbst innerhalb von Kulturkreisen bestehen über Kriterien der Identifikation von Merkmalen keine einheitlichen Auffassungen. Selbst über Allgemeingültigkeit von Chronologie und Einteilung von Annalen (Kalender) besteht global begrenzter Konsens. Pragmatische Anforderungen von Globalisierungsprozessen erhöhen zwar Konsens über formale Metriken, aber sie eliminieren inhaltliche Unterschiede nicht. Die Begrenztheit umfassender Chronologie zeigt beispielsweise die Ableitung aus dem Geburtsjahr Christi. Die islamische Zeitrechnung beginnt im Jahr 622 nach Christus. Deutlich größer sind Unterschiede zum traditionellen chinesischen Kalender. Epochenmodelle sind prinzipiell ethnozentrismusverdächtig.
 
 
Epochenumbruch vom Mittelalter zur europäischen Neuzeit
 
Dem Siebenjährigen Krieg von 1756 bis 1763 ging der Westfälische Frieden von 1648 voraus, mit dem Eckart Conzes Betrachtungen in seinem Buch einsetzen. Mit dem Westfälischen Frieden endete der von 1616 bis 1648 ausgetragene Dreißigjährige Krieg, der Europa verwüstete und ca. 1/3 aller Menschen in Europa das Leben kostete. In diesem Krieg ging es vordergründig um religiöse Konflikte. Tatsächlich ging es vor allem um eine weltliche politische Neuordnung im Kontext des Epochenumbruchs zur europäischen Neuzeit, aus dem die Verwissenschaftlichung der Welt und der Niedergang religiöser Lehren resultieren. Ursachen des Epochenumbruchs waren mehrere sich wechselseitig beeinflussende und verstärkende Einflussfaktoren:
  • Bis zur Epoche des Mittelalters waren bedeutende Schriften der Epoche der Antike nur im Orient erhalten. Durch Auseinandersetzungen mit dem Orient setzten in Westeuropa ab dem 14. Jahrhundert die Wiederentdeckung antiker Gelehrsamkeit und eine Bildungsbewegung ein, die geltende kirchliche Lehre und bestehende soziale Ordnungen zunächst nicht infrage stellten. Konflikte entstanden, als zunehmende Bildung Widersprüche zur kirchlichen Lehre erkannte und thematisierte.
  • Im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit erzeugte das verbreitete Lebensgefühl einer Krisenzeit Ängste vor Sünden und der göttlichen Verurteilung. Lebensstil des höheren Klerus und Fiskalisierung religiöser Gnaden mittels Stiftungen, Kauf von Seelenmessen, Ablasshandel etc. sowie fehlender Reformwille der Kirche motivierten zu Kritik am geistlichen Stand und provozierten die Entstehung von Reformationsbewegungen.
  • Die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Metalllettern durch Johannes Gutenberg verhalf Kritik an sozialen, politischen, religiösen Zuständen und Ideen reformatorischer Bewegungen in Europa zur Ausbreitung. Seit dem 15. Jahrhundert gewinnen Medien zunehmende Bedeutung für die Verbreitung von Informationen und Ideen.
  • Von der katholischen Kirche legitimierte politische Führung war territorial fragmentiert und stritt um jeweils eigene Interessen ihrer Macht. Partikulare Machtinteressen nutzten reformatorische Ideen zur Ausdifferenzierung von Machtstrukturen durch konfessionelle Fragmentierung von Territorien. Da es keine Religionsfreiheit gab und die Bevölkerung zur Loyalität gegenüber Fürsten verpflichtet war, gingen aus konfessioneller Fragmentierung Religionskriege hervor. Religionskriege vermengten Religion mit Streit um Verteilung von Macht und um politische Ordnungen. 
  • Bildung ermöglichte militärische, ökonomische, technologische Entwicklungen, die ab dem 15. Jahrhundert europäischen Staaten zur globalen Überlegenheit verhalfen. Europäische Seemächte nutzten ihre Überlegenheit zur europäischen Expansion, aus der Kolonialisierung, Ausbeutung und Unterdrückung der außereuropäischen Welt und Wohlstandswachstum in Europa resultierten. Aus Expansion und Wohlstandswachstum schließt europäisches Denken auf Überlegenheit westlicher Kultur und wertet distinktives Denken einer globalen Majorität von Ethnien als rückständig und minderwertig.
  • Von der Bildungsbewegung profitierte in der ständischen Sozialordnung zunächst nur die Elite höherer Stände. In unteren Ständen erzeugten Bevölkerungswachstum, Abgabenlast, Frondienste, Leibeigenschaft sowie aus Übersee importierte Erkrankungen sozial und wirtschaftlich prekäre Lebenslagen. Bildung für die Bevölkerungsmasse setzte erst ein, als der global zu unterschiedlichen Zeiten einsetzende Epochenumbruch der Industriellen Revolution Lese- und Schreibfähigkeit erforderte. Das bis zur Gegenwart in Deutschland verbreitete mehrzügige Schulsystem konserviert ständische Ordnung. Es sorgt dafür, dass Bildung nicht fair, sondern ökonomisch bedarfsgerecht verteilt wird und obere Stände der sozialen Hierarchie überproportional von der Verteilung volkswirtschaftlichen Vermögens profitieren. (Vgl. Post Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Superreichtum vs. Armut)
Der historisch als Beginn eines globalen Völkerrechts bedeutende Westfälische Frieden von 1648 konnte keinen dauerhaften Frieden herstellen, aber er blieb vertraglich immerhin über 150 Jahre gültig. In der komplexen Gemengelage ideologisch begründeter machtpolitischer Interessen dauerten Vorverhandlungen bis zum Zustandekommen der Friedensverhandlungen vier Jahre. Die eigentlichen Verhandlungen des Friedensvertrags zogen sich weitere 5 Jahre hin. Gegnerische Parteien verhandelten getrennt in Münster (Katholische Partei) und in Osnabrück (Protestantische Partei), aber sie tauschten sich permanent über den Stand ihrer Verhandlungen aus. Der Friedensvertrag wurde schließlich an beiden Orten verkündet. Das Papsttum verweigerte seine Zustimmung und dokumentierte seine Reformunfähigkeit. Diese Haltung beschleunigte den Niedergang von Papsttum und Katholizismus zur weltanschaulichen Bedeutungslosigkeit. Aufgrund wachsender politischer Irrelevanz geriet ebenso der Protestantismus in diesen Sog.

 
3 Siebenjähriger Krieg von 1756 bis 1763
 
Aufgrund der Beteiligung aller damaligen europäischen Großmächte und zahlreicher Verbündeter sowie globaler Kriegsschauplätze wird der Siebenjährige Krieg als Erster Weltkrieg verstanden. „[…] alle europäischen Großmächte jener Zeit [kämpften] um ein Mächtegleichgewicht und territoriale Gewinne in Europa, um Kolonien und Einfluss in Nordamerika, Indien und Afrika, um die Herrschaft über die transatlantischen Seewege sowie um Handelsvorteile. Im Wesentlichen standen Preußen und Großbritannien einer Allianz aus der Habsburgermonarchie mit dem Heiligen Römischen Reich sowie Frankreich, Russland und Spanien gegenüber. Als Verbündete kamen auf beiden Seiten weitere kleinere und mittlere Staaten wie Kurhannover und Kursachsen hinzu“ (Wikipedia: Siebenjähriger Krieg).
  • Großbritannien mischte sich verstärkt in europäische Politik ein, verlor aber Macht in Nordamerika. 13 nordamerikanische Staaten erklärten 1756 ihre Unabhängigkeit.
  • Frankreich war durch den Siebenjährigen Krieg ausgezehrt. Ludwig XVI. war hoch verschuldet und provozierte durch Erhöhung der Brotpreise die Französische Revolution (1789–1799), die Feudalismus mit brutalen Methoden formal beseitigte, aber als soziales Strukturmerkmal bis heute nicht eliminieren konnte. Erhalten blieb u.a. Zentralismus politischer Strukturen, der bis in die Gegenwart für zahlreiche Probleme verantwortlich ist.
  • Preußen etablierte sich gegen die österreichisch-habsburgische Monarchie als neue Kontinentalmacht und imperiale Macht. Als Legitimationsinstanz staatlicher Gemeinschaft etablierten sich nationalistische Ideen, auf die der Nationalsozialismus aufbaute.
  • Die Österreichisch-Habsburger Monarchie verlor ihre Machtposition bis zur heutigen Bedeutungslosigkeit.
 
4 Demokratisierung der westlichen Welt
 
Im Kontext des Siebenjährigen Kriegs kämpften Großbritannien und Frankreich in Nordamerika mit weitreichenden Folgen um die imperiale Vorherrschaft auf dem Kontinent. Beide Staaten wollten ihre Kosten des Kriegs durch Ausbeutung der eigenen Bevölkerung und sowie durch Ausbeutung von Kolonien finanzieren. Bevölkerungen erwiesen sich als unwillig und undankbar. Aus diesen Konflikten resultierten die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 sowie die 1789 entfachte Französische Revolution, die Ideen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung aufgriff. 

In Nordamerika war man sich bezüglich der Sitzverteilung für das Repräsentantenhaus einig, dass Sitze proportional zur Einwohnerzahl von Bundesstaaten zu verteilen und Steuern anhand der Einwohnerzahl eines Bundesstaates zu erheben sind. Uneinig war man sich über die Frage, wie Einwohner zu zählen sind. Sklaven waren nicht wahlberechtigt. Südstaaten forderten jedoch für die Berechnung der Sitzzuteilung, Sklaven wie Einwohner zu zählen. Steuern sollten jedoch nur anhand nicht versklavter Einwohner eines Bundesstaates berechnet werden, da Sklaven als Eigentum galten. Umgekehrt forderten Staaten ohne Sklaverei, dass Sklaven zur Berechnung der Steuererhebung, aber nicht für die Sitzzuteilung gezählt werden, da sie nicht wahlberechtigt waren. Als Kompromiss einigte man sich auf die Drei-Fünftel-Klausel. Jeweils drei von fünf der Sklaven sollten bei der Volkszählung in Bundesstaaten für Steuerzwecke und für die Sitzzuteilung im Repräsentantenhaus mitgezählt werden.

Grundlegende Konflikte um Fragen der Sklavenhaltung eskalierten zu einem mehr als vierjährigen Bürgerkrieg (1861 bis 1865) zwischen Nordstaaten und Südstaaten. Mit Ende des Bürgerkriegs endete formell Sklaverei, aber als Meinungsfreiheit ausgegebener Rassismus in Köpfen von Menschen blieb bis zur Gegenwart erhalten. Rassismus rechtfertigte etliche Kriege, die politisch-imperialen Interessen der USA dienten, aber im Namen von Menschenrechten legitimiert wurden.


5 Öffentliche Sportwettkämpfe als symbolischer Ersatzkrieg
 
In historischer Betrachtung enthalten sportliche Wettkämpfe in zahlreichen Kulturen einen kriegerischen Kern. In der griechischen Antike diente Sport explizit zum Training militärischer Fähigkeiten. Die Bezeichnung sportlicher Wettkämpfe als Spiele entschärft Wettkämpfe vom militärischen Charakter gegenseitiger Vernichtung und ermöglicht sozialverträgliche Formen des Kampfes. In Ritterspielen des Mittelalters ist der kriegerische Kern der Wettkämpfe offensichtlich. 

Bis zur Neuzeit betrieben in europäischen Kulturen die Landbevölkerung, das städtische Bürgertum und der Klerus keinen Sport. Männlicher Adel ging keinem bürgerlichen Beruf nach, sondern übte als professionellen Beruf das Kriegshandwerk aus. Um sich für militärische Einsätze fit zu machen oder fit zu halten sowie um Frauen zu erobern, trainierte männlicher Adel in kriegsfreien Perioden erforderliche Fähigkeiten in sportlichen Wettkämpfen. Da insbesondere der englische Adel oft kriegerisch unterbeschäftigt war und ist, übte und übt er Sport als Freizeitbeschäftigung sowie zur Unterhaltung aus und entwickelte neben Reiten, Fechten, Jagden, Laufen, Boxen, Ringen neue Sportarten wie Cricket, Polo, Rudern, Segeln. 
 
Entstehung und Ausbreitung des modernen Sports entwickelten sich im 18. und 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung in England. Der Begriff Sport bezeichnete ursprünglich Aktivitäten, wie sie in England praktiziert wurden. Zunächst gab es weder einen Kanon von Sportarten noch Regelwerke, sodass Erscheinungsformen von Sport relativ beliebig und willkürlich waren. Als Varianten allgemeiner Sensationen, Belustigungen und Gelegenheitsdarstellungen hatten sportliche Aktivitäten und Wettbewerbe eher Jahrmarktcharakter. Sie dienten der Volksbelustigung und waren Gegenstand von Wetteinsätzen. Traditionelle 'blood sports' (Hahnenkämpfe, Hundekämpfe, Bären- und Bullenbeißen etc.) wurden allmählich von Wettbewerben mit Vergleichen menschlicher Leistungen verdrängt. Im Übergang zum 19. Jahrhundert entwickelte sich Pedestrianismus als Zuschauersport, bei dem es vor allem um Rekorde, Preisgelder und Wetteinsätze ging. Nachdem alle damals möglichen Rekorde abgeschöpft waren, wandten sich gelangweilte Zuschauer ab. Pedestrianismus war nicht mehr lukrativ und blühte erst wieder Ende des 20. Jahrhunderts mit der Laufbewegung auf.
 
In Deutschland stand Sport ab dem 19. Jahrhundert aufgrund unterschiedlicher kultureller Ursprünge politisch in Konkurrenz zum völkisch-national oder nationalistisch ausgerichteten Turnen. Von politischer Seite wurde Sport im Hinblick auf Wehrertüchtigung als gleichwertig zum Turnen betrachtet und darum in das Schulturnen integriert. Nach dem Zweiten Weltkrieg begünstigte kultureller Wertewandel die Entstehung einer Vielzahl unterschiedlicher Sportarten, sodass Turnen zu einer Sportart unter vielen anderen wurde.
 
In westlichen Industrieländern hat sich Sport der Gegenwart von religiösen und militärischen Konnotationen vollständig gelöst. Breitensport hat sich vom politischen Ballast befreit und eine diffuse Bedeutung angenommen. In der Gegenwart ist Sport ein unpräziser umgangssprachlicher Begriff, der eine Vielzahl unterschiedlicher Bewegungs-, Spiel- und Wettkampfformen im Kontext von Freizeitgestaltung, Unterhaltungskultur, Pädagogik sowie auch Maßnahmen medizinischer Prävention und Rehabilitation umfassen kann. 
 
Im Spitzensport sind jedoch in zahlreichen Disziplinen militärische Traditionen und politische Konnotationen sowie der öffentliche Show-Charakter von Wettkämpfen konserviert. Olympische Spiele der Neuzeit sind unmittelbar aus der antiken Historie abgeleitet. Bei Disziplinen wie Moderner Fünfkampf, Vielseitigkeitsreiten (Military), Sportschießen, Biathlon, Fechten sind historische 'Militär-Gene' offensichtlich. Teilnehmer von Wettbewerben des Springreitens traten bis vor einigen Jahren teilweise in militärischen Uniformen an. 

Wie bereits in der Antike repräsentieren Wettkämpfer des Spitzensports in Leistungsshows internationaler Wettbewerbe vor einem möglichst zahlreichen Publikum die jeweiligen politischen Kulturen ihrer Herkunftsländer. Länder-Wettkämpfe, Nationalflaggen, Nationalhymnen, einheitliche Nationaltrikots, Medaillenspiegel etc. bezeugen, dass Spitzensport politisch nach wie vor nationalistisch und ideologisch aufgeladen ist. Um ihre internationale Leistungsfähigkeit oder auch Überlegenheit zu demonstrieren, fördern Staaten Spitzensport finanziell und institutionell, teilweise bis zum Staatsdoping, und bieten Profisportlern wirtschaftliche Absicherung in Staatsdiensten. Militärische Organisationen sind in etlichen Ländern noch immer für einige Sportarten bedeutende Fördereinrichtungen des Spitzensports. 'Sauberer' Spitzensport ist unter diesen Bedingungen eine Illusion.

Feinde bedrohen die eigene Gesundheit und das eigene Leben nicht nur von außen, sondern auch intern durch individuellen Lebensstil. In der Gegenwart ist Sitzen das neue Rauchen. Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung und Übergewicht schädigen zahlreiche Menschen. Solche Defizite kosten nicht nur Lebensqualität, sondern auch Jahre der Lebenserwartung. Defizite des individuellen Lebensstils erzeugen immense volkswirtschaftliche Schäden. In diesen Kontexten ist der Wert von Sport für individuelle Gesundheit und für mentales Wohlbefinden unzweifelhaft, jedoch nur dann, wenn Sport sich nicht im Zuschauen eines Publikums erschöpft, sondern selbst praktiziert wird.
 
 
6 Fazit und Ausblick

Wünsche nach friedlicher Kooperation ermöglichen Kompromisse und Zustände politischer Gleichgewichte ohne Kriege. Sich ausschließende partikulare Machtinteressen erzeugen jedoch brüchige Kompromisse. Unter solchen Bedingungen zerfallen Gleichgewichte mit kurzen Halbwertzeiten, sodass Ideen eines dauerhaft stabilen politischen Friedens zur Illusion werden und Kriege Instrumente politischer Konfliktlösung bleiben.

Europäisch geprägte westliche Kultur verdrängte dystopische Ängste der eigenen Kultur und entwickelte gegenüber historischen Kulturen sowie gegenüber als primitiv oder barbarisch geltenden alternativen Kulturen ein vermeintlich universell gültiges Selbstverständnis der Überlegenheit, das Imperialismus, Kolonialismus, Rassismus legitimiert. Seit dem späten 19. Jahrhundert verdichtet sich dieses Denken im Selbstverständnis westlicher Staaten als Agenturen, die der Menschheit global zu Fortschritt verhelfen. Die Verbreitung von Nutzen und Fortschritt europäischer Prägung geht mit Begleitschäden einher, die je nach Perspektive als vermeidbar oder unvermeidbar gelten und dementsprechend als in Kauf zu nehmen, entschuldbar, akzeptabel, bedauerlich, verwerflich, unverantwortlich oder sträflich be- oder verurteilt werden.

Mit der Erklärung von Unabhängigkeit kehrte weder in Europa noch in Nordamerika Frieden ein. Unter Bedingungen des Genozids an nativen indigenen Ethnien des amerikanischen Kontinents sowie von Sklaverei konnte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung mit der Erklärung von Menschenrechten keine friedliche Neuzeit einleiten. Von Menschenrechten profitieren europäische weiße Immigranten, aber kaum native indigene Ethnien und zwangsweise als Sklaven nach Amerika importierte Afrikaner. Ohne Eingeständnis des Unrechts weißer Politik ist Versöhnung nicht möglich. In Europa eskalierten nach der Französischen Revolution kriegerische Konflikte zwischen Machtrivalen von 1792 bis 1815 in Koalitionskriegen, die Europa verwüsteten und 5 bis 7 Millionen Menschen das Leben kosteten. Fortgesetzt wurden diese Konflikte in zwei Weltkriegen.

Das Modell westlicher Demokratie hat sich ausgebreitet, weil es Wohlstand ermöglichte. Bertolt Brechts Dreigroschenoper verkündet: Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Für eine Majorität von Menschen genießt Wohlstand Priorität vor Freiheit, Gleichheit, Menschenrechten, ökologisch nachhaltiger Lebensweise. Wohlstand befriedet Bevölkerungsmassen und macht genügsam. Verschiebungen und Umordnungen von Machtkonstellationen bedienen insbesondere Interessen der materiell am stärksten von Wohlstand profitierenden Elite. In der Vergangenheit bildeten Fürsten von Territorien diese Elite. In der Gegenwart konstituieren sich Eliten aus ökonomischer und technologischer Macht. Die profitierende Elite bleibt bis auf Ausnahmen weitgehend anonym (vgl. Post Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Superreichtum vs. Armut). Wenn sie sich äußert, verbirgt sie Eigeninteresse hinter vermeintlich universalen Interessen und angeblichen Werten des Gemeinwohls. 

Über universale Fähigkeiten der Bewertung von Fairness verfügen bereits Primaten, erst recht Menschen. Wenn der Politik die Realisierung allgemeinen Wohlstands nicht gelingt und Verteilungen von Wohlstand als unfair empfunden werden, entsteht soziale Unruhe. Unruhe richtet sich gegen als unfair empfundene Politik sowie gegen soziale Außenseiter als vermeintliche Sündenböcke, die vermeintlich Wohlstand als Parasiten aufzehren.
 
Bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts vermittelte das Modell liberaler Demokratie in Verbindung mit globaler wirtschaftlicher Verflechtung neue Hoffnungen auf dauerhaften politischen Frieden. Diese Erwartung ist zur Illusion mutiert. In der Gegenwart ist die politische Welt kriegerischer als je zuvor organisiert. Offensichtlich tendieren imperialistisch und autoritär ausgerichtete Staaten zur Ausprägung international inkompatibler partikularer Interessen. Die Durchsetzung von Interessen nutzt skalierbar eskalierende Machtinstrumente, die auf der höchsten Stufe der Eskalationsskala Terroraktionen und militärische Kriege nicht ausschließen. 

Um durch den Einsatz eskalierender Machtinstrumente nicht in Krisen zu geraten, erfordert die Nutzung eskalierender Machtinstrumente öffentliche politische Rechtfertigung und Loyalität der Bevölkerung. Hierzu verhilft bewusst und gezielt gefördertes nationalistisches und patriotisches Denken der Bevölkerung. Ein- und abgrenzende ideologische Propaganda unterschiedlicher Art erzeugt und verstärkt dieses Denken. Internationale sportliche Wettbewerbe, die zusätzlich dem Marketing von Konsumprodukten dienen, sind besonders zum Missbrauch geeignet, sofern sie in der Öffentlichkeit ausreichend hohe Aufmerksamkeit genießen. Klassische Beispiele sind Olympiaden und Fußball-Weltmeisterschaften. Solche Wettbewerbe wirken ideologisch effizient, weil sportliche Wettbewerbe als friedlich der Völkerverständigung dienend gelten und der ideologische Hintergrund hinter dem sportlichen Geschehen weitgehend unsichtbar bleibt. Ein prominentes Beispiel ist die Olympiade von 1936, mit der sich deutscher Nationalsozialismus als Erfolgsmodell präsentieren konnte und Anerkennung internationaler Diplomatie verschafft hat.

Hohe Aufmerksamkeit genießende sportliche Wettbewerbe eignen sich nicht nur zum Missbrauch für externe ideologische und ökonomische Zwecke, sie verhelfen auch zur Optimierung des individuellen Eigennutzens sowie zur Schädigung von Fremdnutzen und sind darum anfällig für Betrug und Korruption. Das gilt insbesondere für Profisportler, deren wirtschaftliche und soziale Existenz eng mit sportlichen Erfolgen verwoben ist. Deswegen sind strenge Regelwerke und sogar eine Sportgerichtsbarkeit etabliert. Diese verhindern nicht, dass die Unschuld von Sport als ideell betriebene körperliche und geistige Aktivität auf dem Spiel steht, sobald Sport ökonomischen und politischen Verwertungen unterworfen ist. Damit ist nicht gesagt, dass Profisport und Profisportler generell Betrüger sind, aber die Versuchung zum Betrug ist hoch (was u.a. das Dopingproblem zeigt). 

Betrügereien geschehen selbstverständlich versteckt, ohne Einsicht von außen. Daher ist die Dunkelziffer sicherlich hoch. Mitunter werden jedoch an die Öffentlichkeit Informationen durchgestochen und decken auf, wie internationale Wettbewerbe verkauft wurden oder wie in laufende Wettbewerbe verzerrend und regelwidrig eingegriffen wurde. Ein aktuelles Beispiel liefert die Fußball-WM 2026. Der Platzverweis eines Spielers der US-Nationalelf blieb im Hinblick auf die obligatorische Sperre für mindestens ein Spiel durch Eingriff des internationalen Fußballverbands folgenlos, nachdem US-Präsident Trump persönlich bei Gianni Infantino, Präsident des Weltfußballverbands, interveniert hat. 

Regelwidriges Doping ist im Spitzensport Standard. Wer auffällt, war naiv oder unvorsichtig. Bekannt gewordene Dopingfälle werden individuell bestraft, um die angebliche Sauberkeit des Sports nicht zu beschmutzen. Allerdings sind aus der Vergangenheit etliche verzerrende Eingriffe auf der Ebene von Sportfunktionären bekannt. Im Unterschied zu Dopingfällen wird Korruption von Funktionären nicht konsequent aufgeklärt und bestraft. Auffälligkeiten dieser Art zeigen zweierlei:
  • Eine Majorität von Menschen richtet die Priorität eigenen Verhaltens am eigenen Wohlstand und am Konsum niederschwellig erreichbarer Belohnungen aus. 
  • Generell besteht Mangel an ethischen Kompassen, die Richtungen für gesunde und sozialverträgliche Lebensstile sowie für ökologisch nachhaltige Lebensweisen vorgeben.
Beide Defizite sind Konsequenzen des liberalistisch-kapitalistischen Gesellschaftsmodells. Mittlerweile wird vielen Menschen bewusst, dass dieses Modell krankt und kein dauerhaftes Erfolgsmodell darstellt und über keine ausreichende Kraft zeitnaher Selbstheilung verfügt. 
Die negative Stimmungslage nutzen rechtspolitische populistische Bewegungen. Ihr Erfolg beruht auf vereinfachten Darstellungen komplexer Zusammenhänge, die Ursachen von Defiziten vermeintlich kausal erklären und Wohlstand durch autoritäre Politik versprechen. In diesem Fahrwasser navigiert in der Gegenwart Politik und verschleißt Vertrauen ihrer Wähler, weil sie im Krisenmodus auf Sicht fährt, ohne dass Kurs und Perspektiven zu erkennen sind. 

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