Ab dem 15. Jahrhundert verwandelte die europäische Expansion
die Welt und trägt aus Sicht westlicher Kulturen vermeintlich
Fortschritt und Zivilisation in vermeintlich entwicklungsbedürftige
Regionen der Welt. Die Verbreitung vermeintlichen Nutzens und
Fortschritts geht mit Begleitschäden einher, die je nach Haltung als
unvermeidbar und entschuldbar, aber bedauerlich in Kauf zu nehmen sind oder als verwerflich bewertet werden. In diesem seit mehreren Jahrhunderten stattfindenden Prozess zeigt sich, dass zahlreiche Kulturen zwar
nützliche westliche Innovationen freiwillig übernehmen, sich aber gegen
eine pauschale Verwestlichung wehren sowie westliche Denk- und
Verhaltensmuster ablehnen und eigene kulturelle Traditionen mit höherer
Wertschätzung betrachten. Ethnozentristische
Voreingenommenheit ist kein Problem westlichen Denkens, sondern ein in
allen Kulturen anzutreffendes Phänomen. Durch europäische Kultur
geprägte Denkmuster werden als Eurozentrismus bezeichnet. In anderen
Kulturräumen bestehen vergleichbare, kulturell geprägte Denkmuster. - Sie fallen auf optische Täuschungen herein und können sich Gesichter schlecht merken.
- Sie wertschätzen analytisches Denken, Individualismus, Freiheit, Fleiß, Vertrauenswürdigkeit, Geduld, Selbstbeherrschung.
- Sie bevorzugen Rechtsstaatlichkeit und Institutionen der Gewaltenteilung sowie Marktwirtschaft gegenüber Cliquenwirtschaft.
- Sie verurteilen überwiegend Vetternwirtschaft, Korruption, Clans, arrangierte Ehen. Gesetze von Rechtssystemen und Regeln von Compliance-Systemen ahnden Verstöße.
- Ein von Schuldnormen integriertes Gemeinwesen ist ihnen wichtiger als von Normen der Scham regierte Verwandtschaftssysteme.
Ca. 12 % aller Menschen leben in westlichen Industrieländern. Eine Mehrheit aller wissenschaftlichen Studien verantworten jedoch Wissenschaftler aus WEIRD‑Ländern. Probanden von Studien sind ebenfalls in WEIRD-Ländern sozialisiert. 2008 stammten in Psychologiestudien 96 % der Teilnehmer aus Industrieländern. Da wissenschaftliche Studien zu Kontexten menschlichen Verhaltens überwiegend von WEIRD-People produziert werden, sind Ergebnisse dieser Studien mehr oder weniger extrem WEIRD bzw. eurozentristisch verzerrt. (3) Im Ergebnis zeigen die Untersuchungen, dass Untersuchungen kulturell variable Aspekte mit universalen Aspekten vermengen, daher kulturell geprägte menschliche Vielfalt übersehen und teilweise variable Aspekte fälschlicherweise als universelle Aspekte identifizieren. Joseph Henrich hat mit einer Studiengruppe diese Sachverhalte und ihre Auswirkungen untersucht und Ergebnisse der Untersuchungen in einem Buch veröffentlicht, auf das sich diese Beschreibung bezieht.
- Warum konnten sich diese Unterschiede in der kulturellen Evolution ausprägen?
- Welche Bedingungen bewirken, dass sich westliche Kulturen in der Gegenwart gegenüber autokratischen Systemen zunehmend in der Defensive befinden?
- Welche Sachverhalte bewirken, dass sich innerhalb westlicher Kulturen reaktionäre populistische Bewegungen zunehmend ausbreiten?
- Gebote der Monogamie und der Neolokalität als Residenzregel von Kernfamilien
- sowie Heiratsregeln mit Verbot der Vetternehe.
- Joseph Henrich: Die seltsamsten Menschen der Welt. Wie die Menschen reichlich sonderbar und besonders reich wurden. Berlin 2022 (Original: The WEIRDest People in the World: How the West Became Psychologically Peculiar and Particularly Prosperous. Farrar, Straus and Giroux, 2020)
- Rezensionen des Buchs:
- Günter Renz, Ethik und Anthropologie: Joseph Henrich: Die seltsamten Menschen der Welt
- Deutschlandfunk: Warum westliche Menschen "weird" sind
- FAZ: Die Menschen im Westen sind die Besten
- WELT: Warum sich Westler keine Gesichter merken können
- Joseph Henrich, Steven J. Heine, Ara Norenzayan: Most people are not WEIRD, Nature 466, 29 (2010). doi: 10.1038/466029a
- Wikipedia: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
- NZZ: Wie die katholische Kirche wider Willen den Fortschritt des Westens beschleunigte
- NZZ: Anthropologe Joseph Henrich: «Es schadet dem Zusammenleben, wenn Männer mehrere Frauen haben dürfen»
- Daniel Speich Chassé: Fortschritt und Entwicklung. Version 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte. 21. September 2012
- Die Bedeutung von „Habitus“ erklärt der Post Pierre Bourdieu, Habitus und Doxa - Machteliten und Machtstrukturen.
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