Sonntag, 23. August 2026

WEIRD - Die seltsamsten Menschen der Welt erobern, verwandeln, zerstören die Welt

Buchcover, Joseph Henrich, Die seltsamsten Menschen der WeltAb dem 15. Jahrhundert verwandelte die europäische Expansion die Welt und trägt aus Sicht westlicher Kulturen vermeintlich Fortschritt und Zivilisation in vermeintlich entwicklungsbedürftige Regionen der Welt. Die Verbreitung vermeintlichen Nutzens und Fortschritts geht mit Begleitschäden einher, die je nach Haltung als unvermeidbar und entschuldbar, aber bedauerlich in Kauf zu nehmen sind oder als verwerflich bewertet werden. In diesem seit mehreren Jahrhunderten stattfindenden Prozess zeigt sich, dass  zahlreiche Kulturen zwar nützliche westliche Innovationen freiwillig übernehmen, sich aber gegen eine pauschale Verwestlichung wehren sowie westliche Denk- und Verhaltensmuster ablehnen und eigene kulturelle Traditionen mit höherer Wertschätzung betrachten. Ethnozentristische Voreingenommenheit ist kein Problem westlichen Denkens, sondern ein in allen Kulturen anzutreffendes Phänomen. Durch europäische Kultur geprägte Denkmuster werden als Eurozentrismus bezeichnet. In anderen Kulturräumen bestehen vergleichbare, kulturell geprägte Denkmuster. 
 
Eine Gruppe Geisteswissenschaftler um den in Harvard lehrenden US-amerikanischen Anthropologen und Psychologen Joseph Henrich hat in einer einflussreichen Veröffentlichung von 2020 für westliches Denken den Begriff WEIRD geprägt. (1,2) WEIRD ist ein englisches Akronym für western (westlich), educated (gebildet), industrialized (industrialisiert), rich (wohlhabend, reich) und democratic (demokratisch) und zugleich ein Wortspiel. „Weird“ bedeutet im Englischen „seltsam“, „sonderbar“ oder „merkwürdig“. In der (Sozial‑)Psychologie werden wissenschaftliche Studien oft mit westlichen Probanden untersucht, ohne Rücksicht darauf, ob psychologische Mechanismen universell oder nur kulturell gültig sind. An zahlreichen Beispielen psychologischer und soziologischer Studien verweist Henrich auf spezifische Denk- und Verhaltensmuster von Menschen westlicher Kulturen vs. nicht-westlicher Kulturen und erklärt, wie sich unterschiedliche Denk- und Verhaltensmuster herausbilden konnten und welche Folgen daraus resultieren. 
 
Aufgrund zahlreicher zitierter empirischer Studien erkennen Henrich  et al., dass westliche Verhaltensmuster, Werte und Normen in weiten Teilen der Welt als seltsam und sonderbar gelten. Moral des Stammesdenkens nicht-westlicher Kulturen verlangt gegenüber der Familie und Verwandtschaftsbeziehungen Loyalität und gegenseitige Unterstützung sowie gegenüber Fremden einen Vertrauensvorschuss an Fairness, der in westlichen Kulturen unüblich ist. Für Menschen westlicher Kulturen stellt Henrich fest: 
  • Sie fallen auf optische Täuschungen herein und können sich Gesichter schlecht merken.
  • Sie wertschätzen analytisches Denken, Individualismus, Freiheit, Fleiß, Vertrauenswürdigkeit, Geduld, Selbstbeherrschung.
  • Sie bevorzugen Rechtsstaatlichkeit und Institutionen der Gewaltenteilung sowie Marktwirtschaft gegenüber Cliquenwirtschaft.
  • Sie verurteilen überwiegend Vetternwirtschaft, Korruption, Clans, arrangierte Ehen. Gesetze von Rechtssystemen und Regeln von Compliance-Systemen ahnden Verstöße. 
  • Ein von Schuldnormen integriertes Gemeinwesen ist ihnen wichtiger als von Normen der Scham regierte Verwandtschaftssysteme.

Ca. 12 % aller Menschen leben in westlichen Industrieländern. Eine Mehrheit aller wissenschaftlichen Studien verantworten jedoch Wissenschaftler aus WEIRD‑Ländern. Probanden von Studien sind ebenfalls in WEIRD-Ländern sozialisiert. 2008 stammten in Psychologiestudien 96 % der Teilnehmer aus Industrieländern. Da wissenschaftliche Studien zu Kontexten menschlichen Verhaltens überwiegend von WEIRD-People produziert werden, sind Ergebnisse dieser Studien mehr oder weniger extrem WEIRD bzw. eurozentristisch verzerrt. (3) Im Ergebnis zeigen die Untersuchungen, dass Untersuchungen kulturell variable Aspekte mit universalen Aspekten vermengen, daher kulturell geprägte menschliche Vielfalt übersehen und teilweise variable Aspekte fälschlicherweise als universelle Aspekte identifizieren. Joseph Henrich hat mit einer Studiengruppe diese Sachverhalte und ihre Auswirkungen untersucht und Ergebnisse der Untersuchungen in einem Buch veröffentlicht, auf das sich diese Beschreibung bezieht.

Henrich nimmt an, dass sich aufgrund dieser Unterschiede westliche Kulturen mit allen positiven und negativen Begleiterscheinungen gegenüber Kulturen durchsetzen konnten, in denen Risiken prekärer Lebenssituationen signifikant größer sind. Daher konnten westliche Kulturen vergleichsweise höheren Wohlstand sowie Schutzmechanismen gegen prekäre Lebenssituationen entwickeln. Diese Entwicklung wird in westlichen Kulturen als Fortschritt empfunden und prägte Ideologien des Fortschrittsdenkens aus. Ob Menschen westlicher Kulturen zufriedener oder glücklicher sind, ist eine andere Frage.
 
Unstrittig ist, dass soziale Normen kulturell vermittelt werden. Erklärungsbedarf besteht jedoch bezüglich der Fragen:
  1. Warum konnten sich diese Unterschiede in der kulturellen Evolution ausprägen?
  2. Welche Bedingungen bewirken, dass sich westliche Kulturen in der Gegenwart gegenüber autokratischen Systemen zunehmend in der Defensive befinden?
  3. Welche Sachverhalte bewirken, dass sich innerhalb westlicher Kulturen reaktionäre populistische Bewegungen zunehmend ausbreiten?
Henrichs zentrale These greift Max Webers Annahmen zur protestantischen Ethik als Motor des Kapitalismus auf (4). Henrich sieht jedoch die Entwicklung deutlich früher einsetzen und nimmt an, dass die Ausbreitung christlicher Religion ab ca. dem Jahr 500 die entscheidende Veränderung des Austauschs tribaler Schamkultur gegen westliche Schuldkultur bewirkte. Normen christlicher Religion verdrängten tribale Strukturen mit persönlichen Verpflichtungen in Clans und Verwandtschaftssystemen zugunsten unpersönlicher Prosozialität, mit der sich von Moraltheologie und Rechtssystemen gerechtfertigte Schuldsysteme ausbreiten. Ab ca. dem Jahr 1000 lösten sich in Westeuropa Clans zugunsten von Kernfamilien auf. Kernfamilien verbinden sich in Städten, Klöstern, Universitäten und entwickeln Individualität jenseits von Clan- und Verwandtschaftsstrukturen.
 
Moraltheologie und Rechtssysteme regulieren unpersönlichen Wettbewerb zwischen Individuen und motivieren Individuen zu eigenen Leistungen. Als eher zufällig wirksame Katalysatoren der Zerschlagung verwandtschaftsbasierter Institutionen identifiziert Henrich 
Indem die christliche Religion das Denken von Europäern veränderte, verursachte sie unbeabsichtigt Aufklärung, industrielle Revolution, Demokratie, Individualismus, ökonomisches und rationales Denken und bewirkte als Konsequenz dieser Entwicklung die Selbstzerstörung der christlichen Religion durch säkulares Denken.(5) 

Dass westliches Denken zunehmend in die Defensive gerät und Clanstrukturen auch in westlichen Kulturen wieder stärker werden, erklärt Henrich in einem Interview als Folge unkontrollierbarer globaler Krisen. In kultureller Evolution entwickelte Strukturen können verdrängt oder überlagert werden, aber sie bleiben im kollektiven Bewusstsein erhalten. Unter dem Einfluss globaler Krisen suchen Menschen Schutz in kulturhistorisch bewährten, überschaubaren und kontrollierbaren Clanstrukturen.(6) 
 
Von Henrich et al. beschriebene Sachverhalte bestätigt der Schweizer Historiker, Philosoph und Ethnologe Daniel Speich Chassé in einer kritischen Betrachtung westlicher Konzepte von Fortschritt und Entwicklung. (7) 
 
Aus soziologischer Sicht ist anzumerken, dass für Henrich als Psychologen psychische Dispositionen essenzielle Bedeutung haben. Von außen auf psychische Dispositionen einwirkende soziale Strukturen, die sich als Habitus ausprägen (8), bleiben weitgehend ausgeblendet. WEIRD ist jedoch keine individuelle Eigenschaft, sondern ein Strukturmerkmal westlicher Populationen.

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  1. Joseph Henrich: Die seltsamsten Menschen der Welt. Wie die Menschen reichlich sonderbar und besonders reich wurden. Berlin 2022 (Original: The WEIRDest People in the World: How the West Became Psychologically Peculiar and Particularly Prosperous. Farrar, Straus and Giroux, 2020)
  2. Rezensionen des Buchs:
  3. Joseph Henrich, Steven J. Heine, Ara Norenzayan: Most people are not WEIRD, Nature 466, 29 (2010). doi: 10.1038/466029a 
  4. Wikipedia: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus 
  5. NZZ: Wie die katholische Kirche wider Willen den Fortschritt des Westens beschleunigte 
  6. NZZ: Anthropologe Joseph Henrich: «Es schadet dem Zusammenleben, wenn Männer mehrere Frauen haben dürfen»
  7. Daniel Speich Chassé: Fortschritt und Entwicklung. Version 1.0. In: Docupedia-Zeitgeschichte21. September 2012
  8. Die Bedeutung von „Habitus“ erklärt der Post Pierre Bourdieu, Habitus und Doxa - Machteliten und Machtstrukturen.

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